Denkanfallkuppel

Philosophie, Politik und Weltgeschehen. Wenn mich jemand sucht: Ich bin in meiner Denkanfallkuppel!

Als Arzt im Ebola-Gebiet

by sebastianleist

Ebola tötet weiterhin.

Blog des German Doctors e.V.

Ein Bericht von Dr. Teresa De La Torre und Dr. Dorian Jungmann über ihren Einsatz als Langzeitärzte in Serabu/Sierra Leone

In den letzten 3 Wochen haben wir in Serabu zum Glück keine Ebola-Fälle mehr in den benachbarten Dörfern gehabt. Immer wieder sind wir jedoch mit Verdachtsfällen konfrontiert, welche uns oft technisch, logistisch und auch ethisch bis an die Grenzen fordern. Leider fehlt es noch immer gerade in Situationen, in denen schnelle Unterstützung und Handeln notwendig ist, an Hilfe durch öffentliche Stellen. Positive ist zu berichten, dass internationale Hilfe vor Ort ist und diese Krise viele Menschen aus der ganzen Welt zusammengebracht hat, die alle ein Ziel haben, nämlich Ebola effektiv zu bekämpfen. Hier in Bo und Serabu sind nun z.B. auch das amerikanische CDC, das britische Militär und die Welthungerhilfe  aktiv, die uns alle nach ihren Möglichkeiten unterstützen.

Ebola in Sierra Leone Ebola-Bekämpfung in Sierra Leone

Ein Fall der veranschaulicht, mit welcher Problematik…

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Das Problem heißt Extremismus

by sebastianleist

Nachträgliche Anmerkung: Wenn in diesem Text von „Extremismus“ die Rede ist, dann ist damit nicht die Einteilung in „Links“ oder „Rechts“ gemeint, wobei die beiden Seiten des „Hufeisens“ die Extreme bilden, sondern eine fanatische Ideologie, die keine anderen Ansichten zu tolerieren bereit ist als die eigene und somit in ihrem Kern nicht demokratisch ist. Radikale politische Einstellungen, beispielsweise der Linksradikalismus sind also in meiner Definition keine extremistischen Positionen, insofern sie nicht mit extremen Methoden wie Mord und Körperverletzung ihre Ziele zu erreichen versuchen, sondern Teil des demokratischen Spektrums. Ebenfalls erwähnt werden sollte der „Extremismus der Mitte“, welcher wie ein Rechts- oder Linksextremismus antidemokratische Züge trägt.

Viele werden heute die traurige Nachricht von dem blutigen Anschlag auf die französische Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ gelesen oder gehört haben, bei dem 12 Mitarbeiter des Blattes brutal ermordet wurden. Zu aller Erst möchte ich den Hinterbliebenen und Freunden dieser Menschen mein Mitgefühl und meine Solidarität aussprechen. Dieser feige Angriff ist schärfstens zu verurteilen und muss selbstverständlich möglichst lückenlos aufgeklärt werden und die Täter ihrer gerechten Strafe zugeführt werden. Nicht nur ist es eine menschliche Tragödie, wenn 12 Menschen plötzlich gewaltsam aus dem Leben gerissen werden, es ist auch ein Schock für die freie Presse und ein Schlag gegen die Demokratie und die freie Gesellschaft.
Gerade in Zeiten, in denen in Frankreich der Front National, in Deutschland AFD und Pegida die Symptome eines Rechtsrucks der europäischen Gesellschaften darstellen, ist ein solcher Angriff besonders schädlich für das Klima innerhalb dieser Gesellschaften. Denn so wird nur der Hass auf den Islam befeuert, den viele bereits jetzt in ihren Herzen tragen. Und auch Angst wird geschürt. Es kann daher auch die Vermutung aufgestellt werden, dass der Zeitpunkt des Anschlags keinesfalls zufällig gewählt wurde. Denn es geht islamistischen Extremisten weder um die Verbreitung ihrer Religion, noch ist der Islamismus mit dem Islam gleichzusetzen. Viel mehr geht es um einen direkten Angriff auf westliche demokratische Grundwerte. Terrorismus hat immer nur einen Zweck: Angst und Schrecken zu verbreiten. Dies mit dem Ziel, die demokratische Gesellschaft zu destabilisieren und ihre Werte von Freiheit und Toleranz zu sabotieren. Dieses Motiv teilen sowohl islamistische Terroristen wie auch rechtsextreme Claqueure wie die Initiatoren von Pegida, die sich nun über unerwartete Schützenhilfe aus dem Lager des eigentlich erklärten Feindes freuen können.

Dieses abscheuliche Verbrechen wird nun in zynischster Weise instrumentalisiert werden und zu vermehrtem Hass auf unsere muslimischen Mitbürger führen. Und dies ist, so unterstelle ich, auch von den Attentätern gewollt. Denn je mehr sie extremistische Kräfte innerhalb unserer Gesellschaft stärken, je mehr sie unsere Werte einer offenen Gesellschaft in Frage stellen, desto näher sind sie ihrem Ziel: Dem offenen Konflikt. Eine pluralistische Gesellschaft ist das Grauen jedes Extremisten, denn der Extremist will keine bunten Farben, er will klare schwarz-weiß-Strukturen in denen er einen klaren Feind hat, den es zu bekämpfen gilt (Der Extremist ist übrigens nicht gleichzusetzen mit dem politisch Radikalen, welcher sich noch im demokratischen Spektrum bewegt). Für die islamistischen Terroristen ist dieser Feind die westliche Demokratie, aber auch  für die Islamhasser ist dieser Feind klar: Es ist der Islam. Und zwar der Islam in jeder Form, sie differenzieren nicht zwischen privat gelebter Religion und politischem Islamismus.

Gerade diese Differenzierung tut aber Not, denn ein Großteil der Muslime weltweit sind keineswegs mit Extremisten wie dem IS oder anderen terroristischen Organisationen einverstanden, leiden sogar am Meisten unter diesen (Die meisten Opfer des IS beispielsweise sind Muslime). Dennoch sind es diese Extremisten, die vorgeben im Sinne des Islam zu handeln und die damit die große Masse an friedlichen Muslimen einfach vereinnahmen um ihren politischen Zielen zu nützen.

Mit anderen Worten: Sie wollen, dass wir ihren Fanatismus für gleichbedeutend mit dem Islam halten, auch weil sie selbst das glauben. Natürlich gäbe es ohne den Islam keinen Islamismus und keinen daraus resultierenden Terrorismus, Islam ist aber nur die notwendige, nicht die hinreichende Bedingung für den islamistischen Extremismus. Das heißt: Islam ist nicht zwingend extrem. Wenn wir den Extremisten aber die Deutungshoheit darüber erlauben, was Islam sei, dann haben sie gewonnen und gerade die Islamophoben Europas bestärken mit ihrer undifferenzierten Haltung diese Position. Die angeblichen Verteidiger des Abendlandes machen sich somit paradoxerweise sogar zum Erfüllungsgehilfen der Feinde Europas. Daher dürfen wir, die Verteidiger einer toleranten, freiheitlichen, pluralistischen und demokratischen Grundordnung diesen Extremisten nicht das Feld überlassen.

Wir dürfen denen nicht glauben, die uns mit Angst und Gewalt zwingen wollen einander zu hassen und zu fürchten. Denn der Hass, der Konflikt und der Umsturz sind ihr Ziel. Wir Alle, vor Allem aber die Medien, dürfen uns nicht einschüchtern lassen. Sobald die Pressefreiheit in Gefahr ist, ist die Demokratie in Gefahr. Wir dürfen keine Zensur zulassen, weder durch staatliche Stellen, noch religiöse Fanatiker noch im eigenen Kopf. Während die Einen mit Begriffen wie „Lügenpresse“ und Verschwörungstheorien zu deren angeblicher Gleichschaltung das Vertrauen in die Medien zu untergraben versuchen, versuchen Andere mit blanker Gewalt Macht auf diese auszuüben. Diesen Versuchen darf nicht nachgegeben werden. Denn wenn sich die Medien einschüchtern lassen, dann siegt der Terror. Und Terror ist keine religiöse Tat, keine Pflicht des gläubigen Muslims, sondern eine politische Tat. Politische Extremisten auf allen Seiten haben nur eines im Sinne: Uns ihren Diskurs und ihre Weltsicht aufzuzwingen. Sie wollen uns in einen Konflikt treiben durch den wir nur verlieren und sie nur gewinnen können!

Das Problem heißt also nicht Religion, das Problem heißt Extremismus. Und diesem gilt es geschlossen entgegen zu stehen! Lasst uns also genau das Gegenteil von dem tun, was diese Leute von uns erwarten: Lasst uns aufeinander zugehen anstatt im Anderen den Feind zu sehen. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und sagen: Wir haben keine Angst, wir glauben euch nicht, wir sind Atheisten, Christen, Muslime, Juden, Buddhisten, Hindus und Andersgläubige, die gemeinsam in Frieden miteinander leben wollen. Wir werden eurem Terror nicht nachgeben! Wir werden nicht zum Instrument eures Hasses werden! Für eine solidarische und bunte Gesellschaft! Jetzt erst recht!

Kultur des Hasses – Hass der Kulturen?

by sebastianleist

Hass, Missgunst und Konflikte prägen die Menschheitsgeschichte schon Jahrtausende. Ob in verbaler oder in tatsächlich gewalttätiger Auseinandersetzung, immer wieder geraten Menschen, oder Gruppen von Menschen, über dieses oder jenes aneinander. Das daraus entstehende Leid ist oft so groß, dass die tatsächliche und zugrunde liegende Ursache der Fehde häufig nicht mehr bewusst ist, oder gar zur Nebensache wird. Es geht ab diesem Punkt nur noch um den Streit selbst und um die Behauptung gegen den Kontrahenten, der mit zunehmender Intensität mehr und mehr entmenschlicht, gar monströs erscheint und so auch die Hemmschwelle sinkt, das ihm angetane Leid noch weiter zu steigern. Dies gilt leider für die meisten, wenn nicht gar alle Konflikte unter Menschen die dieser Planet bisher gesehen hat.

Viele führen diese Tatsache auf eine dem Menschen von Natur aus innewohnende Eigenschaft zurück, die ihn mit den Tieren verbindet: Den radikal egoistischen Trieb zur Selbsterhaltung, der sich in rücksichtsloser Weise Geltung verschafft und dem nur die durch das Gesetz institutionalisierte Angst Einhalt zu gebieten imstande ist. Der Mensch sei dem Menschen ein Wolf, so heißt es. Dieser Eindruck mag sich scheinbar bestätigen, sieht man sich nur die allabendlichen Nachrichten an oder liest man in einem Geschichtsbuch. Kaum eine Zeit, in der sich nicht ständig die Leute den Schädel einschlagen, sich verbrennen, pfählen, köpfen, steinigen, mit Pfeil und Bogen, Kanone oder Maschinengewehr den Gar aus machen oder anderweitige, teils geniale Methoden ersinnen um sich gegenseitig umzubringen.

Doch ist dies tatsächlich die menschliche Natur? Rousseau beispielsweise ist radikal anderer Ansicht. Er zeichnet den Menschen im vorzivilisatorischen Zustand als friedlich, genügsam und ungesellig, das heißt: autark. Er kommt ohne die Institutionen der modernen Gesellschaft aus, ist ohne diese sogar weitaus zufriedener und viel seltener gewalttätig. Auch wenn er ohne den heutigen Luxus oder medizinische Versorgung existieren muss, so lebt er ein Leben im Einklang mit sich und der Natur. Diese Vorstellung vom natürlichen Menschen, oftmals fälschlich als „der edle Wilde“ bezeichnet (Rousseau selbst nennt diesen Ausdruck nirgends), erscheint uns heute als kitschige Träumerei, als bloßer Eskapismus aus der engen und vom Absolutismus geprägten Gesellschaft Frankreichs im 18. Jahrhundert. Sie ist aber mehr als das.

Die Vorstellung eines ewigen und schrecklichen Kriegszustandes, wie sich beispielsweise Thomas Hobbes den Naturzustand vorstellt, teilt zwar auch Rousseau, anders als Hobbes aber leitet er diesen Zustand des „Krieges aller gegen alle“ nicht aus der Natur, sondern aus der Gesellschaft ab. Und in einem wichtigen Punkt scheint er damit Recht zu haben: Kriege sind grundsätzlich Gesellschaftszustände und basieren, egal welcher Größe die beteiligten Gruppen sind, immer auf einem Freund-Feind (ingroup – outgroup) -Dualismus. Die eigene Gruppe gewinnt dabei ihre Stärke durch die Abgrenzung von den „Anderen“, den Fremden. Gerade in Zeiten des Konfliktes, und hier komme ich auf die momentane Situation (besonders in den Medien vertreten sind momentan die Ukraine und Gaza) zu sprechen, wird diese Abgrenzung und die daraus entstehende Einigkeit innerhalb der Gruppe besonders stark.

Es scheint mir nämlich, und ich bin mir sicher auch anderen, so zu sein, dass gerade in Diskussionen im Internet, allen voran auf Facebook, die sachliche und besonnene Diskussion über diese Konflikte kaum möglich ist. Dies liegt wohl einerseits am Medium selbst – man muss schließlich dem Gegenüber nicht in die Augen sehen, und das Phänomen des „Trollens“ ist allgegenwärtig – andererseits wohl auch an der überall verbreiteten, und im Informationszeitalter wichtiger und wichtiger werdenden Propaganda aller beteiligten Seiten. Sich in diesem Gewirr ein wirklich objektives Bild zu verschaffen wird immer schwieriger. Konkrete Phänomene die diese Verwirrung belegen sind die vielen, momentan wieder massiv auftauchenden Verschwörungstheorien wie sie beispielsweise auf den Montagsmahnwachen eine Heimat haben.

Besonders schlimm ist neben diesen Verwirrungen ein paar armer Irrer aber der gesähte Hass, der einem wieder und wieder entgegenschlägt. Es scheint so, als könne man Putin nicht kritisieren ohne gleich ein Propagandist der „faschistischen Nato-Junta“ zu sein und sich so manche wüste Beschimpfung anhören zu müssen. Genauso wenig kann man in Diskussionen über den Nahostkonflikt das Selbstverteidigungsrecht Israels anführen, ohne angeblich gleich auf der Seite von „Kindermördern“ und „Zionazis“ oder gar im Soldbuch des Mossad zu stehen. Ebenso beschweren sich allerdings auch Vertreter der Gegenseite. Jeder, der die westliche Einflussnahme auf die Krise in der Ukraine kritisiere, würde sofort als „Putinversteher“ und „rechter Verschwörungstheoretiker“ gebrandmarkt, genauso wie Menschen die sich über die humanitäre Situation in Gaza besorgt zeigen, sich gleich als Antisemiten dargestellt fühlen.

Es ist jedoch immer der Ton der die Musik macht! Die genannten Konflikte, zu denen ich mich jetzt nicht im Detail äußern möchte, scheinen eine objektive Positionierung sehr schwierig zu machen. Nicht nur aufgrund der komplexen und auch teilweise undurchsichtigen Sachlage, sondern vor allem auch aufgrund des Ingroup-Outgroup-Dualismus, nach dessen Logik man sich auf je eine der beiden Seiten zu stellen habe. Diese Position, hat man sich einmal entschieden, wird dann häufig vehement, lautstark (!!!!!!11111elf) und oft auch mit mehr Beleidigungen als Argumenten verteidigt. Dies gilt leider für so manchen Beteiligten, egal ob er/sie proisraelisch, proukrainisch, propalästinensisch oder prorussisch argumentiert. Will man also wirklich konstruktive und zielführende Diskussionen führen, so sollte man von radikalen Positionen und von dem Denken in den Kategorien Gut/Böse oder Freund/Feind absehen.

Dies scheint allerdings mehr und mehr in Vergessenheit zu geraten, gerade in Zeiten des Internet. Man wird entweder zum „Antideutschen Zionisten“, zum „Putintroll“, zum „Ukra-Faschisten“ oder zum „Hamas-Propagandisten“ oder gleich zu einer Kombination mehrerer dieser Bezeichnungen erklärt, traut man sich, sich zu einem der Konfliktherde oder den beteiligten Parteien kritisch oder verteidigend zu äußern. Dabei wäre eine besonnene und herrschaftsfreie Form des Diskurses für alle direkt oder indirekt Beteiligten von weitaus größerem Nutzen, als es die momentane Spirale aus Wut und Hass ist, die sich in der öffentlichen Debatte aufzuschaukeln scheint. In dieser sollte das Hauptaugenmerk für jeden aufgeklärten Humanisten sein, dem Menschenhass entgegen- und für die Menschenrechte einzutreten. Antisemitismus darf in unserer Gesellschaft genausowenig geduldet werden wie der Hass auf Muslime, Russen, Ukrainer oder andere Ethnien, sowie die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung. Der Hass und Intoleranz darf, man könnte sage paradoxerweise, nicht toleriert werden, wenn wir nicht selbst zu einer Kultur des Hasses werden wollen in der verschiedene radikale Gruppen sich gegenseitig bekämpfen. Die Sabotage unserer pluralistischen Gesellschaft nämlich ist das Ziel eben dieser radikalen Gruppen.

Egal, welche Position man vertreten mag: Wer tatsächlich für den Frieden einstehen will muss sich auch zu einer friedlichen und sachlichen Diskussionskultur bekennen und sollte sich daher weder in radikale Positionen verrennen, noch darf er diese tolerieren. Dafür notwendig sind allerdings auch die Fähigkeit, sich differenziert mit einem Thema auseinander zu setzen und der Wille, dies auch zu tun. Denn einander hasserfüllte Parolen entgegen zu brüllen hat noch keinen Konflikt gelöst!

In diesem Sinne: Peace, Frieden, Shalom, pace, Salam, shanti, paix, baris!

© Sebastian Leist