Das Internet als Werkzeug der Aufklärung

von sebastianleist

AUFKLÄRUNG ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Mit diesen Worten beginnt Immanuel Kants berühmte Schrift „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ Ziel der Aufklärung als philosophische und gesellschaftliche Bewegung ist es also, den Menschen zu befähigen, sich eine eigene Meinung nur Kraft des eigenen Verstandes und unabhängig von jeglichen Autoritäten zu bilden. Der Mensch soll somit Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit erreichen, die Kontrolle über den eigenen Glauben und die eigene Weltsicht, die lange Zeit von kirchlicher Seite oder den absolutistischen Herrschern diktiert wurde, zurück gewinnen. Abgesehen von einigen wenigen, denen das geistige Vermögen (vernünftig) zu denken zu fehlen scheint, kann es laut Kant nur noch eine Ausrede geben, sich des Denkens zu erwehren: Der fehlende Mut oder schlichtweg Faulheit.

Man könnte natürlich einwenden, dass jeder Wille zur Bildung ins Leere läuft, wenn es an den notwendigen Mitteln fehlt. Der armen europäischen Landbevölkerung zu Zeiten Immanuel Kants war der Zugang zu Bildung ebenso erschwert, wie er es auch heute noch der Bevölkerung in manchen Regionen der sogenannten Entwicklungsländer ist.
So ist eine Voraussetzung von Aufklärung zumindest die Fähigkeit lesen und schreiben zu können. Beispielsweise wies die Landbevölkerung im Europa des 18.Jh. eine durchschnittliche Alphabetisierungsrate von nicht einmal 30% auf (gegenüber einer Rate von knapp 75% in der Gesamtbevölkerung), von ihr konnte daher keine umfassende Bildung erwartet werden und auch aufgrund des harten Arbeitsalltags war es wohl eher unwahrscheinlich, dass sich die durchschnittliche Bauernfamilie nach getaner Arbeit der Lektüre zu widmen willens und imstande war. Aufklärung war also – obwohl in ihrer Konsequenz als Utopie für die gesamte Menschheit gedacht – wohl nicht für die breite Masse, sondern eher für das Bildungsbürgertum tatsächlich realisierbar.

Doch seitdem sind über 250 Jahre vergangen und – wie ich behaupte auch als eine Folge der Epoche der Aufklärung – die Alphabetisierungsrate global auf über 80% angestiegen, in Europa, Nordamerika und Asien sogar auf weit über 90%. Zumindest in diesen Regionen, also auf einem Großteil des Erdballs, kann die mangelnde Lesekompetenz nicht mehr als Ausrede gelten.

Und, neben der Erfindung des Radios und des Fernsehers, kam gegen Ende des letzten Jahrhunderts ein Medium auf, welches den Zu- und Umgang mit Information grundlegend veränderte: Das Internet. Im Gegensatz zu den herkömmlichen Medien ist es eine der entscheidenden Eigenschaften des „Worldwide Web“, dass es nicht wie die herkömmlichen Medien nur in eine Richtung funktioniert (Sender – Empfänger), sondern ein jeder die Möglichkeit hat, Informationen nicht nur zu empfangen, sondern auch zu senden. Es ist also ein Medium des globalen Austauschs, zumindest potentiell. Und vor allem, dies ist der entscheidende Punkt, ist es beinahe jederzeit und an jedem Ort auf diesem Planeten zugänglich.

Im Jahre 2012 betrug die Anzahl der Menschen mit Internetzugang weltweit stolze 2,4 Milliarden Menschen, Tendenz rapide steigend. Es kann somit davon ausgegangen werden, dass sich in nicht allzu ferner Zukunft ein Großteil der Weltbevölkerung miteinander vernetzt haben wird und so auch Zugang zum gesammelten Wissen der Menschheit haben wird. Es kann daher einerseits festgehalten werden, dass bereits heute eine überwältigende Mehrheit der Menschen des Lesens und Schreibens fähig ist und durch das Internet auch ein großer Teil dieser Menschen einen Zugang zu Information und somit Bildung hat. Die Voraussetzungen für eine globale und umfassende Aufklärung sollten im Jahre 2014 also gegeben sein. Fehlt es uns nur noch am Mut und dem Willen, um die Utopie einer globalen aufgeklärten Gesellschaft zu realisieren?

Man könnte nur zu leicht in den durchaus religiös anmutenden Lobgesang der Fortschrittsoptimisten einstimmen und man findet bestimmt auch gute Gründe dafür, eine kritische und sachliche Betrachtung jedoch sollte sich einer vorschnellen Meinung enthalten. Tatsächlich ist es jederzeit möglich zu jedem erdenklichen Thema eine Unmenge an Informationen zu finden. Dazu sind Werkzeuge wie Internet-Suchmaschinen geschaffen worden und Online-Enzyklopädien wie Wikipedia, frei zugängliche Textsammlungen wie beispielsweise das Projekt Gutenberg oder zeno.org, et cetera. Vor allem die Arbeit von Enthüllungsplattformen wie Wikileaks und (in Zukunft auch) Openleaks, welche die Umgehung von Zensur ermöglichen, kann nicht genug gewürdigt werden. Der Zugang zu Information scheint also kein Problem mehr darzustellen, von Ländern wie China (und anderen) einmal abgesehen, in denen das Internet einer massiven Zensur unterworfen ist.

Gerade die Tatsache, dass Diktatoren überall auf der Welt das Internet fürchten und zu kontrollieren versuchen, sowie die im Westen so bejubelten Revolutionsbewegungen in der arabischen Welt, welche nicht selten auch als „Facebook-Revolutionen“ bezeichnet werden, lassen viele Fortschrittsgläubige von den die Freiheit und Selbstbestimmtheit fördernden Eigenschaften des Internets schwärmen. Ob dies tatsächlich und grundsätzlich der Fall ist, kann aber in Frage gestellt werden.

Einerseits weist das Internet durchaus die Qualitäten von Kants „Ding an sich“ auf (es ist anonym, unerkennbar, unüberschaubar), allerdings ist es aufgrund von Such-Algorithmen und dem daraus folgenden „page ranking“ nicht frei von Ideologie. Die Problematik der sogenannten „Filterblase“ führt dazu, dass gewisse Informationen eventuell unter den Tisch fallen und nicht jeder Nutzer bei gleicher Sucheingabe die selben Treffer erhält. Dies ist ein Kritikpunkt, der nicht einfach ignoriert werden sollte. Denn wenn man sich kritiklos auf die Ergebnisse namhafter Suchmaschinen verlässt, so verletzt man bereits das kantische Gebot, sich ohne Leitung eines anderen des eigenen Verstandes zu bedienen. Es besteht die Gefahr, dass die Neutralität der zu Tage geförderten Informationen nicht mehr gewährleistet ist. Diese Problematik trifft zudem nicht nur auf Suchmaschinen, sondern auch auf soziale Netzwerke zu. Der newsfeed von Facebook beispielsweise wird aufgrund der eigenen Aktivitätshistorie gefiltert, was zu denselben Phänomenen führt. Es kann dazu kommen, dass nur noch Beiträge angezeigt werden, die mit der eigenen Meinung übereinstimmen, kritische Beiträge nicht angezeigt werden, was dem Ego natürlich angenehm ist, im Hinblick auf Aufklärung und Wahrheitsfindung jedoch ein Hindernis, wenn nicht gar eine Bedrohung darstellt.

Ein weiteres Phänomen, dass einer tatsächlichen Aufklärung eher hinderlich zu sein scheint, ist der digitale Pranger. Gerade bei emotional aufgeheizten Themen (wie beispielsweise dem sexuellen Missbrauch von Kindern) kommt es schnell zu heftigen Reaktionen, sogenannten „shitstorms“, aber auch zu weitaus gefährlicheren Reaktionen für Betroffene, ungeachtet dessen, ob diese tatsächlich schuldig oder unschuldig sind. Nicht nur wird das rechtsstaatliche Prinzip der Unschuldsvermutung ignoriert, sondern auch das Gewaltmonopol des Staates wird in Frage gestellt, das alleinige Recht auf Bestrafung. Oft geht die Empörung im Netz soweit, dass es zur Veröffentlichung von Namen und Adressen sowie Bedrohung, Belästigung der betroffenen Personen und Verwandten kommt, was zu schweren psychischen Belastungen führen kann. Ein Beispiel dafür stellt der Fall „Lena“ dar, bei dem ein 17jähriger (im Nachhinein erwiesenermaßen unschuldiger) Berufsschüler aufgrund des Verdachtes ein 11jähriges Mädchen missbraucht und ermordet zu haben, am digitalen Pranger landete und neben allgemeiner Empörung und Beleidigung sogar Lynchaufrufe über sich ergehen lassen musste. Auch ein aktueller Tatort beschäftigt sich übrigens mit dieser Thematik.

Besonnenheit und Vernunft scheinen also nicht zwingend mit der Nutzung des Internets einher zu gehen. Des Weiteren muss erwähnt werden, dass die Informationsflut, welcher die Menschen durch das Internet ausgesetzt sind, auch oft viel weniger zu Sachlichkeit und zu Klarheit beitragen, als zum genauen Gegenteil. Nicht jede Information entspricht nämlich auch der Wahrheit. Unterschiedliche Interessengruppen tummeln sich im Netz, verbreiten teils schlecht recherchierte oder unsauber aufgearbeitete Informationen (die „Teilen – Funktion“ auf Facebook wird mitunter sehr unkritisch genutzt), teilweise aber auch einfach Propaganda. Extremistische Organisationen jeder Couleur nutzen das Web, oft um Volksverhetzung zu betreiben und ihre wie auch immer geartete Ideologie unter das Volk zu bringen und die Masse an Websites, welche verschiedenste Verschwörungstheorien verbreiten (unabhängig von deren Wahrheitsgehalt, den ich als eher gering erachte), dazu noch eine Unmenge von Scherz- und Falschmeldungen (auf englisch „Hoax“) was wiederum mehr zur allgemeinen Verwirrung als zur Klarheit beiträgt. Von den Gefahren der totalen Ǜberwachung, welche völlig unvereinbar mit dem Aufklärungsgedanken ist, gar nicht zu sprechen.

Was also ist vom Internet als Werkzeug der Aufklärung zu halten? Wahr ist, dass die Möglichkeiten, sich selbstständig und in Eigeninitiative Informationen zu beschaffen, durch die Erfindung des Internets durchaus in signifikantem Maße gesteigert wurden. Die Menge der verfügbaren Informationen ist massiv angewachsen und einer größeren Masse an Personen zugänglich als jemals zuvor. Dies jedoch ist alleine noch kein Garant für Aufklärung. Wie die oben genannten – zugegebenermaßen unvollständigen – Negativbeispiele zeigen, ist die Informationsflut, die man in mancher Hinsicht als Informationsüberflutung bezeichnen kann, durchaus auch problematisch. Das Internet wird eben nicht nur von Aufklärungsenthusiasten genutzt, sondern auch von Interessengruppen und Individuen, denen andere Ideale als handlungsleitendes Motiv eigen sind.

Es kommt also immer auf die Person an, welche das Internet als Quelle und Medium nutzt. Das Stichwort Medienkompetenz sei hier genannt. Eine unreflektierte und unkritische Nutzung des Netzes ist der Aufklärung nicht nur nicht dienlich, sondern kann ihr sogar schaden. Es benötigt daher bereits ein Bewusstsein für den Umgang und die Bewertung von Information, was der Fähigkeit entspricht, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Es benötigt also bereits Aufklärung, um das Netz zum Zwecke der Aufklärung verwenden zu können.
Man könnte beinahe behaupten, anstatt die Aufklärung zu fördern, hat das Netz eher die Notwendigkeit nach mehr Aufklärung gefördert. Was wir brauchen ist also nicht einfach nur mehr Internet, sondern vor allem mehr Kompetenz dessen Nutzung betreffend. Es muss also weiterhin und mit den Worten Kants gesagt werden:

Wenn denn nun gefragt wird: leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter? so ist die Antwort: Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung.„


© Sebastian Leist

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