Gedanken zum Internet mit Heidegger

von janstraube

Für mich ist das Internet nicht mehr wegzudenken. Facebook, Twitter, Whatsapp, Wikipedia, Google, eMail – so beziehe ich meine Informationen, halte mich auf dem Laufenden was das private Vergnügen und auch die akademische Recherche angeht. Doch was ist überhaupt dieses „Internet“?

Keiner wird bestreiten, dass es dem Bereich der Technik angehört. Und ja, Technik ist in der Philosophie immer so ne Sache – außer Karl Marx fällt mir spontan niemand ein, der Technik bejahend gegenübersteht. Doch was finden Philosophen an der Technik so schlimm?

Fragen wir den Meister der unverständlichen Sprache, Martin Heidegger. Nach der Kehre wandte er sich der Technikphilosophie zu, und attestiert der zu seiner Zeit modernen Technik, dass sie uns in den Bestand nimmt. Was? Moment, ich machs noch komplizierter: „Ge-stell heißt das Versammelnde jenes Stellens, das den Menschen stellt, d.h. herausfordert, das Wirkliche in der Weise des Bestellens als Bestand zu entbergen.“ (1)

Was wollen uns diese Worte sagen? Heidegger erklärt sich selbst, am Beispiel des Rheines. Hier vergleicht er den Rhein aus der Hymne Hölderlins mit dem Rhein, in den Wasserkraftwerke gebaut werden. Klar, es ist beides Mal der selbe Rhein gemeint, aber eben nicht in der selben Hinsicht. In der Hymne Hölderlins geht es um das Verzaubernde in der Natur, um Zeit, Schönheit und diesen ganzen poetischen Kram. Der Rhein, in den Wasserkraftwerke gebaut werden, ist ein Rhein in anderer Hinsicht: hierbei geht es darum, den Rhein zu einem Energielieferanten zu machen. Der Rhein ist somit für die Industrie Energiebestand.

Soweit, so gut. Das „Wirkliche“ ist der Rhein, wenn wir dem Rhein ein Wasserkraftwerk verpassen „bestellen“ wir ihn, so wie Äcker bestellt werden, als Energiebestand. Anders gesagt: Der Industrie ist es egal, was man am Rhein so alles schön und erbaulich finden kann. Ihr geht es nur darum, einen Nutzen daraus zu ziehen.

Doch was hat der Rhein mit diesem Internet zu tun? Alles, und nichts. Edward Snowden hat enthüllt, was lediglich in der Logik dieses technischen Systems Internet liegt. Die „Five Eyes“ machen etwas, was in der „Natur“ des Internets liegt, ja in der „Natur“ der Digitalität. Es ist das Prinzip Copy/Paste. Jedes digitale Datum ist gegeben, aber nicht ortsgebunden. Wenn ich von meiner Festplatte auf einen USB-Stick kopiere, verändere ich nichts am Wesen der Daten. So ist das mit allen digitalen Daten: sie sind prinzipiell nicht ortsgebunden, und prinzipiell ohne Verluste vervielfältigbar. (Versucht mal, eine Kopie eines Papierdokuments 50 mal wieder zu kopieren. Ihr werdet nichts mehr vom Original erkennen.) Also: Warum sollten die fünf Staaten nicht einfach alles abgreifen, was ihnen in die Hände gelangt? „Höher als die Wirklichkeit steht die Möglichkeit.“ (2) Womit wir wieder bei Heidegger wären. Damit will ich nur eine Paraphrase auf das Kredo der allgegenwärtigen Begründung: „Weils möglich ist!“ geben. Und zurück zu Heidegger kommen.

Moderne Technik zu Heideggers Lebzeiten machte die Natur zum Bestand. Macht das Internet das auch? Ich meine: Ja. Durch die Datensammlerei, die unkontrolliert und grenzenlos stattfindet, wird der Mensch, werden ich, Du und alle anderen Nutzer digitaler Mechanismen zum reinen Datenbestand. Nichts da mit Persönlichkeit, Menschenrechten und diesem ganzen idealistischen Quatsch. Wir werden zum Bestand, zum Lieferant derjenigen Aspekte unseres Lebens, die wir in die Digitalität überführen.

„Ich sehe in der Technik, in ihrem Wesen nämlich, daß der Mensch unter einer Macht steht, die ihn herausfordert und dergegenüber er nicht mehr frei ist – daß sich hier etwas ankündigt, nämlich ein Bezug des Seins zum Menschen – und daß dieser Bezug, der sich im Wesen der Technik verbirgt, eines Tages vielleicht in seiner Unverborgenheit ans Licht kommt.“ (3)

(1) Heidegger, Martin: Die Frage nach der Technik, S. 21. In: von Herrmann, Friedrich Wilhelm (Hrsg.): Martin Heidegger Gesamtausgabe. Band 7: Vorträge und Aufsätze. Frankfurt 2000.
(2) Heidegger, Martin: Sein und Zeit. 18. Aufl. Tübingen 2001. S. 38.
(3) Martin Heidegger im Gespräch (17. September 1969). S. 706-707. In: Heidegger, Herrmann (Hrsg.): Martin Heidegger Gesamtausgabe. Bd. 16: Reden und andere Zeugnisse eines Lebensweges. Frankfurt 2000.
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