Fortschritt als Selbstzweck?

von sebastianleist

Alles ist gut, wie es aus den Händen des Schöpfers kommt; alles entartet unter den Händen des Menschen. Der Mensch zwingt ein Land, die Erzeugnisse eines anderen hervorzubringen, einen Baum, die Früchte eines andern zu tragen. Er vermengt und vertauscht das Wetter, die Elemente und die Jahreszeiten. Er verstümmelt seinen Hund, sein Pferd, seine Sklaven. Alles dreht er um, alles entstellt er. Er liebt die Mißgeburt, die Ungeheuer.“1

Betrachten wir das letzte Jahrhundert, so kann ohne Zweifel gesagt werden, dass im Bezug auf den wissenschaftlichen Fortschritt kein vorheriges mit ihm vergleichbar ist. Die Menschheit hat Unglaubliches geschafft, sie hat erst den Luftraum, dann sogar den Weltraum, sowie die tiefsten Tiefen der Weltmeere erobert. Ihre Maschinen wurden und werden immer ausgetüftelter, komplexer, nehmen dem Menschen vielerlei Tätigkeiten ab, seien diese körperlicher oder geistiger Natur. Die medizinischen Wissenschaften lassen den Menschen immer älter werden und, sofern er sich die Versorgung leisten kann, immer länger gesund bleiben. Wir haben die Blitze gebändigt, das Atom gespalten und Computerprogramme geschaffen, denen wir früher oder später vielleicht sogar ein eigenes Bewusstsein zusprechen werden. Wir haben die totale und vollständige Vernetzung der Welt in greifbarer Nähe. Was die Zukunft noch bringen wird, wer weiß es?

Optimisten sehen unendliche, beinahe nur noch durch die Fantasie begrenzte Möglichkeiten, sehen uns alle bereits auf der Reise zu anderen Planeten, Galaxien, womöglich sogar durch die Zeit, sehen den Mensch sich selbst durch Implantate, sogenannte Augmentierungen und Genmanipulationen stetig verbessern und darin nicht selten sogar ein technologisches Heilsversprechen.
Die Geschichte, so führen sie an, zeige eine stetige Verbesserung der Lebensumstände, die Sitten und Umgangsformen, einst barbarisch und gewalttätig, hätten sich verfeinert, seien letzten Endes in Errungenschaften gegipfelt wie beispielsweise die Bürger- und Menschenrechte und die menschliche Gesellschaft sei somit auf einem guten Weg in Richtung Utopie.

Zugegeben: Diese naive und kritiklose Einstellung dem Fortschritt gegenüber ist längst nicht mehr so sehr in Mode, wie sie es beispielsweise im 18., 19., oder auch teilweise noch im 20. Jahrhundert war, dennoch werden die meisten Menschen den Fortschritt per se als eine positive, auf eine kontinuierliche Verbesserung hin ausgerichtete Entwicklung ansehen. Diese Haltung ist einerseits eine Frucht der Aufklärung, andererseits aber auch der rasanten technologischen Entwicklung selbst geschuldet. Der Mensch ist, im Gegensatz zu früheren Zeiten, nicht mehr völlig ohnmächtig seinem Schicksal, der Natur oder anderen unkontrollierbaren Umständen ausgeliefert. Er kann viele der sein Leben bedingenden Parameter nun selbst bestimmen, hat beinahe uneingeschränkte Kontrolle über seine Umwelt – oder unterliegt zumindest der Illusion, dies sei der Fall!

Und: Wir vergessen nur zu gerne die Schattenseiten, welche uns der technologische Fortschritt beschert.

Aber gehen wir ein paar Jahrhunderte zurück in die Vergangenheit. Genauer: In die Mitte des 18. Jahrhunderts. Die Akademie von Dijon stellte damals die Preisfrage „Ob die Erneuerung der Wissenschaften und Künste dazu beigetragen habe, die Sitten zu bessern.“ und ein bis dahin noch gänzlich unbekannter Literat, der aus Genf stammende Jean-Jacques Rousseau, wird durch seine eingereichte Schrift mit einem Schlage berühmt. Denn er wagt es, diese Frage mit einem Nein zu beantworten. Außer ihm tut dies nur ein einziger anderer der insgesamt dreißig Teilnehmer des Preisausschreibens.

Rousseau wendet sich gegen die allgemein vorherrschende Haltung, der Fortschritt sei dem Wohle der Menschheit dienlich. Er nennt die Künste lediglich „Blumengirlanden“ mit denen die „ehernen Ketten der Sklaverei“ verdeckt würden.2 Der Mensch sei durch die Gesellschaft und die von ihr propagierten Tugenden von seiner Natur entfremdet, nichts weiter als ein depraviertes Tier. Die Sucht, einander zu gefallen und die Notwendigkeit, sich einen Platz in der Gesellschaft zu erkämpfen, haben den Menschen unehrlich und hinterlistig gemacht, schreibt er. Ausschweifungen, Dekadenz und ein allgemeiner Sittenverfall seien zu beobachten. Den Menschen habe der Fortschritt also keinesfalls besser gemacht, sondern viel mehr das Gegenteil bewirkt.

Rousseau geht sogar noch weiter. Seiner Ansicht nach nämlich ist jeglicher Antrieb zu Wissenschaft und Fortschritt nicht positiven Intentionen zuzuschreiben, nicht dem Willen zur Verbesserung der Lebenssituation der Menschheit, sondern ganz im Gegenteil: den menschlichen Lastern:

„Die Sternkunde hat sich aus dem Aberglauben entwickelt, die Beredsamkeit aus Ehrsucht, Hass, Schmeichelei und Lüge, die Landvermessung aus dem Geiz, die Naturlehre aus nutzloser Wissbegier, alle, bis zur Sittenlehre selbst, aus dem menschlichen Hochmut. Wissenschaften und Künste haben ihre Geburt also unseren Lastern zu verdanken.“3

Sein 5 Jahre später erscheinender „Diskurs über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen“ schlägt in die selbe Kerbe. Darin stellt er dem herrschenden Gesellschaftszustand einen fiktiven Naturzustand gegenüber. Der Naturzustand ist jedoch keinesfalls seine Erfindung. Bereits Thomas Hobbes und später auch John Locke hatten den Gedanken des Naturzustands formuliert, um die Notwendigkeit von Staat und Gesetz zu rechtfertigen. Der Naturzustand stellt also den vorstaatlichen, vor der Gesellschaft bestehenden Zustand der Menschheit dar, welcher zumindest Thomas Hobbes zufolge ein Zustand des Elends, der Krankheiten und der Gewalt gewesen sei. Er spricht vom Kriege aller gegen alle, dem „bellum omnium contra omnes“4.

Rousseaus Naturzustand hingegen bestreitet diese Annahme. Laut ihm ist der Kriegszustand erst durch die bereits vorhandene Gesellschaft entstanden. In Rousseaus Konzeption ist der Naturzustand ein friedlicher Zustand, da der Mensch sich noch nicht in gegenseitiger Abhängigkeit befindet. Der Mensch ist noch imstande, sich unabhängig von anderen selbst zu versorgen, ist nicht auf Hütten, Heizung und Landwirtschaft angewiesen. Er hat nur die Fähigkeiten, die er zu seinem Überleben notwendigerweise besitzen muss und kennt weder Angst vor dem Tode, noch Gott, noch Sorge um die Zukunft. Er hat auch keine Moral oder Gesetze nötig, denn sein Interesse den anderen zu schaden wird durch sein natürliches Mitgefühl ausgeglichen. Da er alles hat das er benötigt, wäre es auch in keinster Weise von Vorteil für ihn.5

Wie gesagt: Dieses Bild ist explizit als Gedankenexperiment und als Kontrastfolie zu der bestehenden Gesellschaft gedacht (in Rousseaus Fall die Gesellschaft des streng katholischen und absolutistischen Frankreichs des 18. Jh.) und soll somit keinen real existenten Zustand darstellen. Dennoch sind einige Überlegungen durchaus nicht von der Hand zu weisen. Der Mensch hat sich durch den Fortschritt immer mehr in gegenseitige Abhängigkeit gebracht. Dies ist einerseits eine Abhängigkeit von der Gesellschaft, andererseits eine Abhängigkeit von Wissenschaft, Wirtschaft und Technik, welche sich in gewissem Maße verselbstständigt zu haben scheinen. Man male sich nur das Szenario eines Sonnensturms aus, der zu einem dauerhaften Zusammenbruch des Stromnetzes führt, ein durchaus nicht unrealistisches Szenario: Viele Menschen würden in kürzester Zeit an Wassermangel und Seuchen sterben. Die Überlebenden würden elend verhungern, da auch die Nahrungsmittelverteilung auf eine komplexe Logistik angewiesen ist und kaum einer sich mehr selbst zu versorgen weiß. Die Folgen eines plötzlichen Rückfalls in einen vortechnologischen Zustand wären also katastrophal.

Nicht zu vergessen die massiven Probleme, welche der Mensch sich selbst geschaffen hat: Globale Erwärmung, nukleare Katastrophen, nicht zu schweigen von Krieg (die totale Vernichtung der gesamten Menschheit ist erstmals möglich), Unterdrückung und weltweiter sozialer Ungleichheit, der daraus folgenden Ungerechtigkeit und dem Elend von Hunger und Krankheit, welches zu großen Teilen nicht der Natur, sondern der Zivilisation entstammt. So birgt beispielsweise die Landflucht, also die bewusste Abkehr von der Natur und die daraus folgende Verstädterung meist keine Verbesserung für die arme Landbevölkerung in den Entwicklungsländern, sondern meist das Gegenteil.

Die Entfremdung des Menschen von der Natur hat weitreichende Folgen. Durch den Anbau von Pflanzen als Monokultur kommt es zur Desertifikation, der Verwüstung weiter Landstriche, zu Schädlingsbefall und daraus folgenden Ernteeinbußen, was wiederum den Einsatz von Giften notwendig macht, was in der Folge dann wieder negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen hat. Und anstatt sich auf traditionelle Anbaumethoden zurück zu besinnen, heißt die angestrebte Lösung des Problems wieder einmal technologischer Fortschritt, dieses Mal in Form der Gentechnik, deren Auswirkungen wir heute nicht einmal abzuschätzen in der Lage sind.

Dies sind natürlich nur einige Beispiele. Und zugegeben: Es gibt sicherlich auch positive Aspekte des Fortschritts. Die Kindersterblichkeit sinkt weltweit und der allgemeine Gesundheitszustand verbessert sich kontinuierlich. Jedoch kann man Rousseaus Kulturkritik nicht einfach von der Hand weisen. Viele der ernsten Probleme und Herausforderungen, vor denen die Menschheit heutzutage steht, sind hausgemacht. Die Globalisierung führt zu neuen Ausbeutungsverhältnissen und die globale Erwärmung wird zu neuen Konflikten und Problemen führen.

Die Lösung dieser Probleme kann aber auch nicht in einem Rückschritt liegen. Dies sah auch Rousseau nicht anders. Seine Vorstellung des Naturzustands sollte daher als Gegenentwurf zu einem Weltbild gesehen werden, in dem der Fortschritt als Selbstzweck unkritisch zur allgemeinen Maxime erhoben worden ist. Brauchen wir Fortschritt? Wahrscheinlich, der Weg zurück ist schließlich versperrt. Aber wir brauchen den Fortschritt um die Situation des Menschen zu verbessern, nicht um des Fortschritts selbst willen. Vor allem aber brauchen wir sozialen Fortschritt, muss der Mensch sich entwickeln, nicht nur die Technologie. Und dies war auch die Intention Rousseaus:

Bemühen wir uns, aus dem Übel das Gegenmittel zu gewinnen, daß es heilen muss!“6

 

© Sebastian Leist

1 Siehe: Rousseau, Jean-Jacques: Emile oder über die Erziehung. Paderborn 1998, S.9.

2 Siehe: Rousseau, Jean-Jacques: Abhandlung über die Wissenschaften und Künste. Stuttgart 2012, S.19.

3 Siehe: Rousseau, Jean-Jacques: Abhandlung über die Wissenschaften und Künste. Stuttgart 2012, S.45

4 Siehe: Hobbes, Thomas: Leviathan.Stuttgart 1978, S.115

5 Vgl.: Rousseau, Jean-Jacques: Schriften zur Kulturkritik. Über Kunst und Wissenschaft (1750), Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen (1755), Eingeleitet und übersetzt von Kurt Weigand, Hamburg 1995, S.83-191

6 Vgl.: Rousseau, Jean-Jacques: Schriften zur Kulturkritik. Über Kunst und Wissenschaft (1750), Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen (1755), Eingeleitet und übersetzt von Kurt Weigand, Hamburg 1995, S.301

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