Das Ding an sich, ein iPhone und die Wissenschaft

von janstraube

„Also, an sich ist das ja gar kein Problem…“ Das höre ich oft, und jeder kennt diese oder ähnliche Aussagen. Mir geht es in diesem Beitrag um das „an sich“, und da wir alle schonmal davon gehört haben muss ich nicht weiter erwähnen, dass Immanuel Kant den Begriff Ding an sich geprägt hat. Aber was hat es damit auf sich, und wie verstehe ich das Konzept heute?

Zunächst handelt es sich bei der Kritik der reinen Vernunft um das Hauptwerk, in dem neben Erkenntnistheorie die Vernunft überhaupt kritisch untersucht wird. Doch fangen wir klein an: Wenn ich etwas erkenne, also sagen kann „Da liegt ein iPhone“, dann ist das schon mal gut. Kant sagt nun, das wir nicht das iPhone an sich erkennen, sondern nur das davon, was über unser Vermögen erkennbar ist: primär handelt es sich um unsere Sinne. Wir sehen das Gerät, können es anfassen, hören wenn es klingelt und riechen, dass es keinen Geruch hat. Das iPhone an sich befindet sich außerhalb unserer Sinne, unseres Erkenntnisvermögens. Dies ist das Ding an sich. Wir erkennen also alles quasi wie durch eine Brille, wie eine Sonnenbrille, und niemals an sich.

In Bezug auf das Ganze des kantischen Denkens wird von einigen behauptet, es handele sich hier um einen Fehler im kantischen System. Denn, wenn wir alles nur durch die coole Sonnenbrille sehen – woher wissen wir dann vom Ding an sich? Oder, in die andere Richtung: Wenn wir wissen, dass es das Ding an sich gibt, dann wissen wir schon zu viel. Weiterhin braucht Kant das Ding an sich, damit sein Gedankenkomplex Geltung hat – ansonsten könnten wir nach Kant gar nichts erkennen, weil es gar nichts gäbe (warum es überhaupt etwas gibt, und nicht vielmehr nichts, ist eine andere Frage).

Für meinen Punkt in diesem Beitrag brauche ich einen anderen Baustein Kants: den Gedanken der Totalität der Reihe. Dies ist ein Gedanke im wörtlichen Sinne, denn es gibt diese Totalität nicht. Doch worum geht es? Wenn ich mein iPhone betrachte, dann ist sofort klar, dass es von Apple ist. Das heisst, es wurde von DHL an mich geschickt, weil Mobilcom Debitel eine Lieferung von Geräten aus China erhalten hat, wo Foxconn in Fabriken Geräte herstellt, die sich Apple in Cupertino ausgedacht hat. Das ist eine Reihe. Ich gehe von der Erscheinung des iPhones auf die Bedingungen, die dazu führten, dass ich es vor mir liegen habe. Dazu gehört auch, dass ich einen Mobilfunkvertrag abgeschlossen habe. Aber viel wichtiger ist die Frage: Wie kam es überhaupt zu so etwas wie einem Smartphone?

Vor den Smartphones gab es schlichte Handys, davor Festnetztelefone, davor hat Graham Bell das Telefon erfunden. Graham Bell wurde geboren, hat also Eltern, die ihrerseits wieder Eltern haben, die ihrerseits… Seht ihr den Punkt? Ich auch nicht. Und das ist der Punkt! Es gibt nämlich keinen End- oder Anfangspunkt in dieser Reihe, da die Reihe bis zum Urknall fortgeht. Moment: Die Totalität der Reihe ist nur ein Gedanke, eine Idee (und auch eine Forderung der reinen Vernunft), lässt sich also prinzipiell nicht erkennen. Das heisst auch, dass wir den Urknall nicht wahrnehmen können weil unser Erkenntnisvermögen nicht bis dahin zurück gehen kann. Moment nochmal, wenden die Physiker ein: Es gibt Beobachtungen im Universum, die darauf hinweisen, dass es einen Urknall gab. Die Theorie des Urknalls, könnte anders formuliert werden, erklärt beobachtbare Phänomene. Okay, das bringt mich nicht zu meinem Punkt. Oder doch?

Worauf ich hier hinaus möchte ist die These, dass das kantsche Ding an sich ein deskriptives, das heisst beschreibendes Konzept im Sinne von Beobachtungen über die Wissenschaftspraxis sein kann. Was machen Naturwissenschaftler? Sie forschen. Sie machen Experimente, daraus ergeben sich Beobachtungen und Schlüsse. Aber wann hören sie damit auf? Genau, jetzt hab ichs wieder: Niemals. Wissenschaftler werden immer etwas zu forschen haben, weil hinter den Dingen das Ding an sich steht, welches nie in seiner Totalität erkennbar ist. Deshalb nimmt die Forschung kein Ende. Deshalb wird es immer wieder neue Erkenntnisse über Dinge (und Sachverhalte) geben, weil wir die Dinge nicht in ihrer Totalität erfahren, geschweige denn erfassen können. Das Ding an sich steht somit hinter einem jeden gegebenen Ding, und wir nähern uns diesem ständig – aber prinzipiell ohne Ende, gleich einer Gleichung mit einem gewissen Grenzwert, sagen wir Eins, wobei Eins für die Totalität steht. Null steht für keine Erkenntnis. Wenn nun die Wissenschaft – wie sie es historisch tut – immer neue Erkenntnisse über die Dinge hervorbringt, nähert sie sich immer weiter der Eins – ohne jemals gleich Eins zu sein.

Wissenschaftler haben zwar die Theorie des Urknalls, aber die Weltformel, die alles erklärt, haben sie nicht. Werden sie auch nie haben. Punkt.

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