Nachhaltigkeit: Zukunftsvision oder Konsumprodukt

von sebastianleist

Die Ausbeutung von Bodenschätzen, die Überfischung der Weltmeere, das allmähliche Verschwinden großer Waldgebiete, der Klimawandel und die massive Zunahme der Weltbevölkerung: Dies sind nur einige der großen Herausforderungen, denen wir als Spezies gegenüber stehen und deren Bewältigung über unser Fortbestehen und die Qualität des Lebens der uns nachfolgenden Generationen entscheiden wird. Bereits 1970 hat der „Club of Rome“, eine Vereinigung von Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft und Politik aus allen Regionen unserer Erde, die Grenzen des Wachstums aufgezeigt.

Der Mythos ewigen Wachstums und des dahinter steckenden Gedanken des immer weiter steigenden Wohlstands war also nicht mehr unumstritten. Das Bewusstsein der Endlichkeit unserer Ressourcen und der damit verbundenen Folgen machten nachdenklich. Wie kann Wachstum vernünftig vonstatten gehen? Hier kommt der Begriff der Nachhaltigkeit ins Spiel. Nachhaltigkeit oder nachhaltige Entwicklung bezeichnet eine Entwicklung, welche die Bedürfnisse der heutigen Generation erfüllt, ohne jedoch die Bedürfnisse künftiger Generationen zu beeinträchtigen.

Diese weitgehend übliche Definition klingt einleuchtend und das Ziel erstrebenswert. Allerdings ist der Nachhaltigkeitsbegriff nicht unproblematisch. Nehmen wir die Bedürfnisse: Woher wissen wir als heutige Generation denn, welche Bedürfnisse die Generationen der Zukunft haben werden und können wir absehen, welche unserer Handlungen heute sich auf eben jene Bedürfnisse auswirken werden? Haben wir nicht vielleicht vollständig andere Vorstellungen von einem erfüllten und lebenswerten Leben als sie? Wie also sollen wir uns verhalten, um ihre Bedürfnisse zu respektieren und nicht zu gefährden?

Da wir tatsächlich keine Kristallkugel besitzen und nicht über hundertprozentig verlässliche Zukunftsprognosen verfügen, können wir in der Tat nicht „wissen“ wie die Welt in 50, 100, oder 200 Jahren genau aussehen wird. Was wir aber können, ist menschliche Konstanten zu betrachten. Das Bedürfnis nach sauberer Luft, ausgewogener Ernährung, sauberem Trinkwasser und anderen menschlichen Grundbedürfnissen wird kaum verschwinden. Auch ist nicht anzunehmen, dass sich der Bedarf an Energie und Obdach auf zauberhafte Weise in Luft auflösen wird. Und auch auf einen gewissen Wohlstand wird wohl auch die Gesellschaft der Zukunft nicht verzichten wollen. Dazu kommt auch, dass eine lebenswerte Gesellschaft wohl auch eine gerechte, oder zumindest nicht tyrannische Gesellschaftsform sein sollte. Die drei Säulen der Nachhaltigkeit sind also sowohl ökologischer, sozialer als auch wirtschaftlicher Natur.

Nun stehen wir aber vor einem Problem: Wie kann die Umwelt geschützt werden, ohne der Wirtschaft zu schaden? Wie kann Wirtschaftswachstum entstehen, ohne dass es ökologische oder soziale Probleme bereitet und wie kann eine gerechte und faire Gesellschaft sich konstituieren, wenn gleichzeitig die anderen beiden Säulen berücksichtigt werden sollen? Es hat den Anschein, als würden sich die drei genannten Faktoren immer wechselseitig beeinflussen. Manchmal können zwei der drei Aspekte durchaus im Einklang stehen, eine saubere Umwelt kann auch soziale Vorteile haben. Ein Wald als Naherholungsgebiet beispielsweise. Jedoch kann dort dann kein Feld angelegt und Nahrung angebaut werden. Es kann also dort nichts erwirtschaftet werden. Dies wiederum kann zu Nahrungsmittelknappheit führen, welche sich dann, neben dem wirtschaftlichen wieder auf den sozialen Faktor auswirkt. Natürlich sind die Zusammenhänge in einer globalisierten Welt weitaus komplexer als in diesem Beispiel angeführt, aber eben jene Komplexität ist es, die das Diskutieren über nachhaltige Entwicklung so schwierig macht.

Oftmals wird dies aber von Politik oder den Medien nicht genügend thematisiert. Nachhaltigkeit ist das Zauberwort, mit dem verschiedenste Entscheidungen in ein positives Licht gerückt werden sollen. Sie erscheint als Patentrezept für die Zukunft, wird als Allerweltslösung präsentiert und lässt uns guten Gewissens weiter konsumieren. Doch wie weit her ist es mit der tatsächlichen Nachhaltigkeit? Schaut man sich sogenannte nachhaltige Produkte genauer an, so liegt der Fokus meist auf dem ökologischen Aspekt, wie es bei Bioprodukten der Fall ist, oder auf Fairtrade – Produkten, die eher den sozialen Aspekt berücksichtigen. Der Konsument dieser Produkte hat für einen kleinen Aufpreis das Gefühl, Teil der Lösung und nicht Teil des Problems zu sein. Wie viel Bio in den Produkten tatsächlich steckt, ob das tatsächlich besser und gesünder ist und welcher Schwindel teils mit ihnen getrieben wird, muss nachdenklich machen. Dasselbe gilt auch für Fairtrade-Produkte.

Weitaus bedenklicher aber ist die inflationäre Verwendung des Nachhaltigkeitsbegriffs durch große Konzerne. So werben Global Player wie BP, BASF, Fastfood-Ketten, Flughafenbetreiber und Autobauer, sowie Investmentbanken ebenfalls mit ihren Verdiensten in punkto Nachhaltigkeit. Man kann in diesen Fällen nur noch den Kopf schütteln. Initiativen wie der IÖW-Future.ev betreiben ein Ranking für Nachhaltigkeitsberichte von kleinen und mittelständigen, sowie Großunternehmen. Die obersten Plätze des Rankings der Großunternehmen nehmen BMW, Siemens und BASF ein. Doch liegt dies tatsächlich an der Nachhaltigkeit ihrer Produkte und Produktionsmethoden? Kurz gesagt: Nein! Denn das Ranking ist kein Ranking der Nachhaltigkeit dieser Konzerne, es ist lediglich ein Ranking ihrer Nachhaltigkeitsberichte, die jeder Teilnehmer freiwillig selbst erstellt und einreicht. Das heißt: Sie sind das Papier kaum wert, auf das sie gedruckt wurden. Selbst ein Konzern mit katastrophaler Ökobilanz könnte in diesem Ranking gut abschneiden, vorausgesetzt er schreibt darüber einen ausführlichen Bericht.

Nur um klarzustellen: Ich wende mich keinesfalls gegen den Versuch, sich bewusster und verantwortungsbewusster zu verhalten und ich selbst kaufe auch lieber fair gehandelte und Bioprodukte, habe mir auch erst letztens ein fair gehandeltes Smartphone gekauft und glaube selbst, dass diese Produkte in jedem Falle besser sind als die Alternative. Eine tatsächlich nachhaltige Entwicklung muss aber viel weiter gehen. Denn so wie es sich im Moment darstellt, ist von tatsächlicher Nachhaltigkeit nichts zu sehen. Sie ist lediglich ein Produkt, oder zumindest eine Produkteigenschaft, die es uns ermöglicht mit einem guten Gewissen eigentlich genauso weiter zu machen wie bisher. In einer Massenkonsumgesellschaft kann Nachhaltigkeit auch gar nicht realisiert werden, könnte man mit gutem Recht behaupten. Was also ist die Lösung dieses Problems?

Wenn wir uns an die drei Säulen der Nachhaltigkeit erinnern, so wird es vielleicht so Manchen geben, der sich fragt, ob diese tatsächlich gleich wichtig sind. Ist denn die Wirtschaft wirklich ebenso wichtig wie das Soziale oder die Umwelt? Natürlich wird argumentiert, dass ohne Wirtschaft kein Wohlstand, keine Arbeit und auch kein glückliches Leben möglich seien, dass ohne Wachstum unser System und unsere Gesellschaftsordnung zusammen bräche. Und, das System betrachtet in dem wir leben, könnte man dieser Argumentation durchaus zustimmten. Was wir brauchen ist also ein Systemwechsel. Wir müssen wegkommen von einer Wachstumsgesellschaft, uns mehr auf Kreisläufe konzentrieren und wirkliche Konzepte zur nachhaltigen Entwicklung erarbeiten.

Eine Patentlösung gibt es (noch) nicht, was für mich aber fest steht ist, dass wir eine fortdauernde Debatte brauchen darüber, was Nachhaltigkeit überhaupt bedeuten soll und ob diese mit unserem System der Massenkonsumgesellschaft zu vereinbaren ist. Vor allem müssen wir die Lügen von Politik und Industrie durchschauen, die Etikettierung von Produkten mit dem Siegel „fair“ oder „bio“ hinterfragen und reflektieren, was davon tatsächlich glaubwürdig ist und in welchem Maße diese Produkte tatsächlich ein Schritt in die richtige Richtung darstellen. Was wir aber vor allem brauchen, ist ein Nachdenken, ob es wirklich nachhaltige Produkte geben kann, oder ob wir nicht vielleicht eher einen nachhaltigen Lebensstil anstreben sollten.

Ein nachhaltiger Lebensstil kann nicht in der fortdauernden und unreflektierten Ausbeutung aller Ressourcen bestehen, kann nicht in direkter oder indirekter Ausbeutung von Menschen (und Tieren) bestehen und auch nicht durch das Kaufen der „richtigen“ Produkte erreicht werden. Viel mehr muss in Frage gestellt werden, ob wir nicht auf vieles verzichten können und ob wir tatsächlich weiter nur dem Willen der Industrie und somit dem Konsumgedanken anhängen sollten.

Denn der Crash unseres Systems kommt so oder so. Die Frage ist nur, leiten wir den Wandel selbst ein, oder müssen wir uns gezwungenermaßen umstellen?

© Sebastian Leist

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