Warum ich WhatsApp gelöscht habe

von janstraube

Ich habe mich diese Woche dazu entschlossen, WhatsApp zu löschen. Ich habe nicht nur die App gelöscht, sondern vorher auch meinen Account. Und weil mir das nicht genug war, habe ich auch gleich sämtliche Facebook-Apps gelöscht. Aber warum?

Das Offensichtliche wäre die Übernahme durch Facebook. Und die daraus resultierenden Datenbedenken. Keine Datenschutzbedenken, sondern Bedenken in Bezug auf die zunehmende Zentralisierung von Internetdiensten. Ich möchte eigentlich nicht, dass ein Unternehmen möglichst viele Daten von mir hat. Ich möchte auch nicht, dass mir in absehbarer Zeit auf Facebook Anzeigen geschaltet werden, die auf meinen WhatsApp-Chats basieren.

Aber warum der Rummel, und warum erst jetzt die Bedenken? Die Übernahme hat mich angestoßen, die ganze Angelegenheit ernst zu nehmen. Versteht mich nicht falsch, es besteht im Moment keine ernstzunehmende Gefahr. Aber es besteht ein Risiko: das Risiko, dass wir uns unsere Wünsche vorgeben lassen, durch gezielte Werbung, die dann wiederum unser Begehrungsvermögen passiv macht. Aber, ganz ehrlich: das ist immer noch reichlich unkonkret. Also: warum habe ich WhatsApp gelöscht?

Offen gesagt: ich war genervt. Nicht nur von den Datenbedenken, sondern vor allem von der Verfügbarkeit. Die Verfügbarkeit, die ich anderen gegenüber aufbringe, wenn ich mich für einen Dienst wie WhatsApp anmelde, und damit zu verstehen gebe: Hey, wenn Du eine kurzlebige Nachricht hast: immer her damit! Aber diese kurzlebigen Nachrichten interessieren mich nicht! Ja, zugegeben: nicht alles war belangloses Geblödel auf WhatsApp. Doch allein die Tatsache, dass manche Teilnehmer nach jeden drei Worten „Senden“ drücken, was zu einem schier unendlichen Schwall von Benachrichtigungen führt, die immer im unpassendsten Moment ankommen, zeigt doch, dass es manch einer mit der Kommunikation nicht ganz so ernst meint.

Kommunikation, das kommt von communitas. Ich verstehe das als Gemeinschaft. Und, jetzt werde ich moralisch: Eine Gemeinschaft hat nur dann Wert, wenn in ihr die Teilnehmer als gleichgestellt akzeptiert werden. Und als Menschen! Als Wesen mit einer Aufmerksamkeitsspanne, als Wesen, die niemals bloss als Zweck, sondern immer zugleich als Mittel betrachtet werden sollen. Also kann es nicht darum gehen, einfach nur seinen Senf abzulassen. Jede Kommunikation, jede Vergemeinschaftung braucht einen Anlass. Und je verfügbarer ich mich für andere Menschen mache, je mehr ich mich prostituiere, umso geringer muss der Anlass für den Anderen sein.

Die Gefahr, die mich beunruhigt, ist diese: Wir werden uns alle verfügbar machen für Störungen des Moments. Wir werden nicht mehr genießen können, was wir gerade, im Moment tun, weil latent immer die Frage nach der Störung schwebt. Nur ganz kurz aufs Handy gucken, vielleicht habe ich eine Nachricht, die ich verpasst habe… Das geht in die falsche Richtung. Wir müssen uns mehr auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Und weil mir selbst das nicht immer gelingt, habe ich Whatsapp und Facebook vom Handy gelöscht.

Ich sehe das als weiteren Schritt in meinem Umgang mit diesen ganzen sozialen Netzen. Immerhin war mein erstes iPhone der Anlass, mir überhaupt einen Facebook-Account zu machen. Weil ich dabei sein wollte, weil ich immer die Möglichkeit haben wollte, etwas in die Welt hinaus zu posaunen. Allein, dieses Posaunen ist nicht laut. Es fehlt die Aufmerksamkeit, weil die Technik immer im Verdacht steht, noch etwas Neueres bereit zu stellen. Diese ganze Privacy-Debatte hat mich bis vor kurzem ehrlich gesagt immer einen Dreck geschert – natürlich nutze ich Facebook, ich will ja auch gehört werden! Es will nur leider jeder gehört werden, und sei es mit noch so geringem Anlass. Ich habe Whatsapp gelöscht, und deswegen bin ich mehr für mich selbst verfügbar.

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