Über Sprache, Animismus und Maschinenbewusstsein

von sebastianleist

Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“1


Miteinander sprechen: Das ist etwas, das wir jeden Tag und ohne großes Nachdenken tun. Wir sprechen mit unseren Mitmenschen, ob mündlich und Auge in Auge oder indirekt über das Telefon. Wir kommunizieren schriftlich per Post oder, inzwischen natürlich viel häufiger, per Email, SMS oder mit Hilfe verschiedener Chat- und Messengerprogramme. Wir tun das mit einer Selbstverständlichkeit, die wir kaum hinterfragen, da wir das Sprechen schließlich schon in frühster Kindheit gelernt und verinnerlicht haben. Wir haben also vergessen wie wir dazu kamen und daher kommt es, dass wir die Bedeutung welche die Sprache für uns hat oft unterschätzen.

Sprache ist nämlich eng verknüpft mit, wenn nicht gar grundsätzlich notwendig für unser Bewusstsein. Man solle sich nur mal versuchen eine Welt vorzustellen, die ohne Begriffe, Bezeichnungen oder Zustandsbeschreibungen auskommt. Es ist schlicht nicht möglich. Sich etwas vorzustellen findet immer im logischen Raum statt, wie Wittgenstein ihn bezeichnet. Es kann also – poetisch ausgedrückt – behauptet werden: Unser gesamtes bewusstes Erleben findet in einer großen Erzählung statt.

Dies heißt natürlich nicht, dass keine physisch vorhandene Welt existiert, aber wir könnten uns ohne sie sprachlich zu verorten einfach „keinen Reim“ auf sie machen. Alle Sinneserfahrung wäre reines und ungeordnetes Chaos. Erst die Ordnung dieser Eindrücke ergibt einen „Sinn“. Auch die Entwicklung der Persönlichkeit, also des „Ich“ in der Kindheit ist untrennbar mit der Sprache verknüpft, wir können uns nicht bewusst an Ereignisse erinnern, die statt fanden bevor wir zu sprechen in der Lage waren.

Die Art und Weise wie wir über die Welt sprechen, wie wir gewisse Ereignisse erklären oder die Verständigung darüber wie wir mit ihnen umgehen sollten, ist also entscheidend mit dafür verantwortlich wie die Welt sich für uns darstellt. Besser gesagt: Die Welt ist, wie wir sie uns darstellen. Dies gilt einerseits für jeden persönlich, andererseits aber auch für verschiedene Kulturen. Abhängig von den Lebensumständen entwickeln sich verschiedene Sprachen und in diesen Sprachen auch verschiedene Mythen.

Nehmen wir das Beispiel animistischer Kulturen. Animismus bezeichnet, grob gesagt, den Glauben an eine beseelte Natur. Viele der ursprünglicheren Kulturen hängen diesem Glauben an, sie glauben an magische Gegenstände, verhexte Orte, verzauberte Pflanzen, verwunschene Gegenden, heilsame Gegenden und allerlei Geister, welche in Bäumen, Flüssen oder Bergen hausen. Diese Glaubensform erscheint uns im „modernen“ Westen heutzutage primitiv, dümmlich, naiv oder einfach überholt, doch für die Angehörigen der entsprechenden Kulturen erfüllen sie durchaus wichtige Funktionen.

Sie erklären die Welt, sie warnen vor Gefahren und haben auch allerlei soziale Funktion. Oft werden in Tänzen und Erzählungen am Lagerfeuer auch Wissen wie beispielsweise Jagdstrategien vermittelt. Die Erzählungen und Mythen, die Sprachspiele der animistischen Kulturen und ihre daraus entstehende Weltsicht sind also nicht „falsch“, sondern entspringen ihrer Lebensform. Die weitgehend wissenschaftliche Weltsicht der Zivilisation erzeugt andere Geschichten, da diese auch andere Funktionen zu erfüllen hat.

Die Lebensform ist also entscheidend für unsere Sprache. Wittgenstein schrieb den Satz:

Wenn ein Löwe sprechen könnte, wir könnten ihn nicht verstehen.“2

So wie die Lebensform des Löwen sich von der unsrigen unterscheidet, so unterscheiden sich auch verschiedene Kulturen voneinander, zwar nicht so stark wie der Löwe vom Menschen, zugegeben, aber immer noch stark genug um ein wirkliches Verständnis oftmals zu verhindern oder zumindest zu erschweren.

Wie steht es nun aber mit der Zuschreibung von Bewusstsein? Wir selbst, und da sind wir uns ja sicher, haben ein Bewusstsein. „Ich denke, also bin ich!“ lautet der berühmte Satz von René Descartes. Wie jedoch steht es mit dem Bewusstsein der Anderen? Kann man wirklich sicher sein, dass diese nicht lediglich erscheinen als hätten sie ein Bewusstsein, kann es nicht vielleicht sogar sein, dass man das einzige denkende Wesen auf der ganzen weiten Welt ist?

Diese Haltung nennt sich Solipsismus und stellt ein durchaus ernst zu nehmendes philosophisches Problem dar. Denn wir können nie wirklich in den Anderen hineinschauen. Was wir aber können, ist mit dem Anderen zu sprechen. Ab einem bestimmten Punkt wird die Annahme, dieser verfüge über kein Bewusstsein einfach weniger praktikabel, als ihm ein solches zuzuschreiben. Wissen aber können wir es nie!

Und hier kommen nun die Maschinen ins Spiel, genauer gesagt: Computerprogramme. In vielen Science-Fiction-Romanen und -Filmen wurde bereits die Idee der künstlichen Intelligenz aufgegriffen, es wurden Szenarien geschildert in denen Computersysteme ein Bewusstsein entwickeln und nicht selten in Konkurrenz und schließlich in Konflikt mit der Menschheit geraten. Dieser Gedanke beschäftigt allerdings nicht nur die Fantasie von Romanautoren, er stellt seit den 50er Jahren auch Betätigungsfeld von Philosophen und Computerwissenschaftlern dar. Und auch hier stellt sich die Frage: Ab wann müsste man einer künstlichen Intelligenz ein Bewusstsein zuschreiben?

Wieder einmal führt der Weg über die Sprache. Alan Turing entwickelte dazu vor mehr als 50 Jahren den nach ihm benannten Turing – Test, bei dem ein Proband vor zwei Computerterminals gesetzt wird. Das Eine ist mit einem weiteren Terminal verbunden, das ebenfalls von einem Menschen besetzt ist, das Zweite ist mit dem zu testenden Computerprogramm versehen. Wenn nun das Computerprogramm dem Probanden genauso glaubwürdig vor zu spielen vermag ein Mensch zu sein wie der tatsächliche Mensch, dann müsse man ihm ein Bewusstsein zuschreiben.

Bisher sind die Programme allerdings noch recht leicht zu überlisten. Wer das Programm Siri auf dem iPhone hat oder sich einmal mit der Website „Cleverbot“ unterhalten hat, wird zwar oftmals lustige bis unheimliche Konversationen erleben, nach kurzer Zeit aber keinen Zweifel mehr daran haben, einem Programm ohne Bewusstsein gegenüber zu sitzen. Bis diese Programme allerdings soweit ausgereift sind, dass wir dies nicht mehr können, ist nur noch eine Frage der Zeit. Wir müssen uns also darauf einstellen, den Gebrauchsgegenständen der Zukunft, sei es auch nur der sprechende Kühlschrank oder das Smartphone, oder das Auto mit eingebautem Chauffeur, also allen mit künstlicher Intelligenz ausgestatteten Maschinen, ein mentales Innenleben zu zu gestehen, ob dies nun tatsächlich der Fall ist oder nicht. Es wird schlicht und einfach praktikabler sein als das Gegenteil.

Und hier schließt sich nun der Kreis. Animistische Kulturen schreiben ihrer Umwelt Beseeltheit und Bewusstsein zu, weil dies in ihrer Lebensform wichtige Funktionen erfüllt. Es regelt ihren Umgang mit der Lebenswelt in der sie sich bewegen und ist für die Erklärung der Naturphänomene die sie erleben völlig ausreichend. Sie brauchen kein wissenschaftliches Weltbild, um in ihrem Alltag erfolgreich zu sein.

Die Lebensform der westlich geprägten Zivilisationen hingegen hat andere Konzepte entwickelt die den Animismus ablösten, ein Prozess der Jahrtausende gedauert hat und mit der Entwicklung von Wissenschaft und Technologie einher ging. Es wurden Methoden entwickelt, die Umwelt mehr und mehr durch Technik zu kontrollieren, was wiederum unsere Lebensform und unsere Art zu Sprechen beeinflusste. Die Annahme einer beseelten Natur war nicht länger von Vorteil, sie wurde ersetzt durch die modernen Erzählungen der Naturwissenschaft.

Nun jedoch sind wir an einem interessanten Punkt angelangt. Denn angenommen die Visionen der Wissenschaftler, Philosophen und Science-Fiction-Autoren bezüglich der KI werden in absehbarer Zukunft wahr (und dafür spricht so manche Entwicklung), dann wird unsere Umwelt mehr und mehr von einer Technik geprägt sein, deren Funktionsweise der Normalbürger nicht mehr versteht. Wir werden mit Gebrauchsgegenständen sprechen, ihnen Befehle erteilen, vielleicht sogar smalltalk betreiben, vielleicht sogar Liebesbeziehungen mit Künstlichen Intelligenzen eingehen, wir werden früher oder später nicht mehr unterscheiden können ob wir es nur noch mit einer programmierten Maschine oder mit einem tatsächlichen, wenn auch künstlichen Bewusstsein zu tun haben. Wir werden also Teilen unserer Umwelt mehr und mehr Bewusstsein zuschreiben. So wie die Technik unsere Lebensform verändert, wird sich auch unser Umgang mit ihr und unsere Sprache verändern und damit womöglich so etwas wie ein neuer, ein moderner Animismus entwickeln.

Welche Folgen diese Entwicklung haben wird, ob wir tatsächlich eines Tages von Maschinen versklavt werden oder ob wir in einer utopischen Welt voller dienstbarer und intelligenter Roboter leben werden, das bleibt ab zu warten.

Was auch immer passiert: Wir können gespannt sein.

© Sebastian Leist

1Siehe: Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus. In: Werkausgabe Bd.1, Frankfurt a.M. 1984, S.67

2Siehe: Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen. In: Werkausgabe Bd.1, Frankfurt a.M. 1984, S.568.

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