Die Hybris der Hirnforschung

von sebastianleist

Zehn Jahre sind nun vergangen, seit ein Zusammenschluss von deutschen Neurowissenschaftlern das „Manifest der Hirnforschung“ verfasste. Darin stellten die Forscher einerseits den aktuellen Erkenntnisstand ihres Forschungsgebietes dar, andererseits machten sie Aussagen über dessen Zukunft. Die Hirnforschung sah sich in der Aufgabe, die letzten Fragen zu Geist und Bewusstsein, einst Aufgabe der Philosophie und der Geisteswissenschaften, zu lösen. Denn diese, so die Hirnforscher, seien schließlich vollständig auf neuronale Prozesse zurück zu führen und somit Teil ihres Fachbereiches. Die Philosophie habe lange genug Zeit gehabt, diese grundlegenden Fragen zu beantworten und dies nicht geschafft, nun sei die Neurowissenschaft an der Reihe. Verständlicherweise führte dies zu teils heftigen Debatten.

Besonders die Frage nach dem freien Willen ist immer wieder Kristallisationspunkt des Disputs geworden. Wenn, wie die Neurowissenschaften behaupten, jeglicher geistiger Vorgang lediglich materiell bedingt ist, vielleicht sogar mit diesem materiellen Geschehen identisch ist, so müssten diese Vorgänge in einem physikalisch – kausal beschreibbaren Universum alle bereits von Beginn desselben fest stehen. Das hieße: Freier Wille wäre nichts als eine Illusion. Denn es stünde dem Subjekt ja niemals frei sich für etwas zu entscheiden, das Gehirn habe bereits entschieden.

Von den Hirnforschern die sich an dieser Debatte beteiligten, sind zwei Herren besonders durch ihre provokanten Aussagen bekannt geworden. Es handelt sich dabei um den Neurophysiologen Wolf Singer und seinen Kollegen, den Biologen und Hirnforscher Gerhard Roth. Für Beide ist die Welt, wie wir sie erleben, nichts weiter als ein Konstrukt unseres Gehirns, welches durch die Evolution gewisse Funktionen hervorgebracht hat, die unserer Spezies (und den anderen, welche ebenfalls über ein Gehirn verfügen) ihr Überleben garantierte. Die Begriffe Geist und Bewusstsein fügen sich laut Roth und Singer nahtlos in die Erzählung der Naturwissenschaften ein.

Neben der Interpretation der Sinneseindrücke soll das Gehirn auch für Sprache, für die daraus folgenden interpersonalen Diskurse, also die Kommunikation zwischen Menschen und Menschengruppen und damit also grundsätzlich für das Entstehen von Kultur verantwortlich sein. Selbst die Kulturwissenschaften haben die Hirnforscher somit in den Bereich ihres Forschungsgebietes gezerrt. Nicht nur das: Denn die Welt ist nicht das Einzige das durch die neuronalen Verschaltungen konstruiert wird. Auch das „Ich“ ist nichts weiter als ein Konstrukt dieses wunderbaren und allmächtigen Organs, zu welchem die Neurowissenschaften es hochstilisieren.

Natürlich muss diese materialistisch – reduktionistische Weltsicht Folgen für das Menschenbild haben. Vor allem die angebliche Widerlegung der Willensfreiheit fordere ein Überdenken des Strafrechts, meint Singer, denn warum dürfe man jemanden bestrafen, der doch gar nichts für seine Taten könne? Ist der Mensch tatsächlich nichts weiter als eine Art biologischer Maschine, die in ihrem Handeln vollständig vorherbestimmt ist, ist also all das, was wir zu sein glauben nichts als ein von unserem Gehirn kreiertes Theater und wenn ja, für wen? So plausibel die Thesen der Hirnforschung für den modernen und naturwissenschaftlich geprägten Menschen klingen mögen, wir sollten ihnen mehr als skeptisch gegenüber sein.

Denn einerseits ist die Hirnforschung weit hinter ihren Erwartungen und Versprechen zurück geblieben, wie sich zehn Jahre nach veröffentlichung des Manifests herausstellt, andererseits hat sie nach wie vor einige methodische sowie sprachliche und philosophische Probleme nicht gelöst, die möglicherweise aber entscheidend sind für die Interpretation ihrer Forschungsergebnisse.

Besonders erwähnenswert ist, dass die Autorität welche die Neurowissenschaften für sich beanspruchen oft mit Experimenten begründet wird. Das Experiment als Mittel zum Erkenntnisgewinn ist Hauptwerkzeug der naturwissenschaftlichen Forschung und experimentell begründete Thesen wirken auch auf Laien oft überzeugend. Ganz besonders bekannt ist das Libet-Experiment, bei dem an den Köpfen Probanden durch ein EEG (Elektroenzephalogramm) Spannungsunterschiede gemessen werden (das sogenannte „Bereitschaftspotential“), während sie den Zeiger einer sich schnell bewegenden Uhr beobachten. Sie sollten sich dann frei entscheiden, den Finger zu einem von ihnen gewählten Zeitpunkt zu bewegen und sich den Zeitpunkt dieser Entscheidung auf der Uhr merken.

Libet entdeckte, dass dem von den Versuchspersonen angegebenen Zeitpunkt, an dem sie die Entscheidung getroffen haben wollten, immer schon eine halbe Sekunde zuvor ein Anstieg des Bereitschaftspotentials voraus ging. Dieses Ergebnis haben viele Hirnforscher (Libet selbst allerdings nicht!) als Widerlegung der Willensfreiheit gedeutet. Dazu kommen noch verschiedenste andere Experimente, unter Anderem mit Probanden unter Hypnose, elektrischer Hirnreizung und eine Vielzahl bildgebender Verfahren, die zeigen sollen, wo im Gehirn welche Entscheidungen getroffen würden.

Grundsätzlich kann man aber, am Libet – Experiment im Speziellen und an Experimenten mit dem Gehirn im Allgemeinen, berechtigte Kritik üben, was ihre Aussagekraft betrifft. Denn einerseits wurden in einem Folgeexperiment zwar ähnliche Ergebnisse erzeugt, wie bei Benjamin Libets Versuchsanordnung, allerdings wurde es den Probanden dabei frei gestellt, welche Hand sie bewegen wollten. Das Bereitschaftspotential war allerdings jedes Mal gleich, es konnte also keinesfalls vorhergesehen werden, was der Proband tun würde, es konnte lediglich vorausgesagt werden, dass er etwas tun würde.

Auch kann angeführt werden, dass eine Entscheidung den Finger zu heben, keine wirkliche Entscheidung sei, die auf vernünftigen Gründen und Abwägung basiert. Diese sogenannte „Entscheidung“ welche im Experiment getroffen werden soll, darf, wenn man der Versuchsanordnung folgt, nicht aufgrund einer Vorausplanung statt finden, sondern soll „spontan“ erfolgen, der Proband sich den Zeitpunkt seiner Willensentscheidung anhand eines „feelings“, wie Libet es bezeichnet, merken. Das heißt im Klartext: Die Versuchsperson soll sich den Zeitpunkt merken, an dem sie spürt wie sich die Muskeln in ihrem Finger spannen und diesen Zeitpunkt dann „Willensakt“ nennen.

Das Ergebnis des Experiments ist also nicht durch eine fehlende Willensfreiheit begründet, sondern ist in der Versuchsanordnung bereits „eingebaut“. Es kann also gar kein anderes Ergebnis heraus kommen. So wunderbar nützlich wie Experimente für die Naturwissenschaften sein mögen, in der Anwendung auf lebende Menschen versagen sie, zumindest kann man ihnen nicht die selbe Beweiskraft zusprechen. Denn das Experiment ist Kraft seiner Wiederholbarkeit so überzeugend. Ein Mensch allerdings erinnert sich nach dem ersten Versuch an das Verfahren und ist somit schon nicht mehr das selbe Versuchsobjekt. Das Kriterium der Wiederholbarkeit ist damit also verletzt.

Auch muss bedacht werden, dass ein Experiment immer mit bestimmter Absicht durchgeführt wird. Dies erfordert bereits eine riesige Investition an Theorie. Man muss gewisse Annahmen verfolgen, die man entweder bestätigt oder widerlegt sehen will. Damit ist das Experiment „theory laden“ wie es in der Fachwelt so schön heißt. Wenn die Theorie allerdings bereits mangelhaft ist und auf logischen Fehlschlüssen basiert, wie soll dann im Experiment „die Wahrheit“ zu Tage treten?

Peter Janich bringt dies folgendermaßen auf den Punkt:

„Schon in seiner anatomischen Beschreibung sind also weder das Hirn noch seine Teile Naturgegenstände, sondern hochkomplexe Konstrukte technischer und begrifflicher Bemühungen zu bestimmten wissenschaftlichen Zwecken.“

(Siehe: Janich, Peter: Kein neues Menschenbild! Zur Sprache der Hirnforschung, Frankfurt a.M. 2009, S.46)

Die Hirnforschung hat also nicht nur ein methodisches Problem ihre Versuchsanordnungen betreffend, sondern viel mehr ein Theorieproblem. Und dieses Theorieproblem entsteht zumindest zu einem großen Teil aus der Sprache die sie verwendet. Denn sie vermischt unreflektiert Begrifflichkeiten aus der Evolutionstheorie mit Begrifflichkeiten aus der Physiologie und der Psychologie und nimmt damit eine Perspektive „von irgendwo“ ein, wobei sie annimmt, diese Bereiche würden sich gegenseitig genügend stützen.

Diese Mixtur aus verschiedensten Sprechweisen wird der Allgemeinheit dann in einer Alltagssprache vermittelt, die zwar wissenschaftlich klingt um ihre Autorität zu unterstreichen, in Wirklichkeit aber nicht wissenschaftlich fundiert ist. Es wird also in einer gehobenen Alltagssprache, ähnlich einer Stammtischdiskussion unter Bildungsbürgern, über Dinge wie Bewusstsein, Geist, Seele, Willensfreiheit, Handeln, Erleben und Dergleichen gesprochen, ohne dass diese Begriffe überhaupt Teil der Wissenschaftsbereiche sind, welche die Hirnforschung abdeckt. Sie reden also, salopp ausgedrückt, über Dinge von denen sie keine Ahnung haben.

Einerseits stellen Roth und Singer das Bewusstsein und auch die Kultur, wie eingangs bereits erwähnt, als kausale Folgen eines kontinuierlichen evolutionären Prozesses dar, andererseits sprechen sie von Dingen, „die das Nervensystem weiß“, wobei auf fahrlässige Weise bereits vorausgesetzt wird, was man eigentlich beweisen müsste. Das Nervensystem und auch das dazu gehörige Gehirn „wissen“ nämlich gar nichts. Nur ein Mensch weiß, die Aussage, das Gehirn wisse etwas, ist völliger Unsinn. Genauso wie die Behauptung, wir seien nichts weiter als unser Gehirn, lediglich das Produkt irgendwelcher „neuronaler Verschaltungen“. Der Fehlschluss, dem die Herren Singer und Roth verfallen, hat sogar einen Namen.

Es handelt sich hierbei um den so genannten „mereologischen Fehlschluss“. Dieser liegt immer dann vor, wenn von einem konkreten Teil auf das Ganze geschlossen wird. Im Falle der Hirnforschung also, wenn das Gehirn „pars pro toto“ für alle Funktionen des Organismus verantwortlich gemacht wird. Dies ist ungefähr so sinnvoll, wie zu behaupten, das Herz sei für unser Überleben verantwortlich oder unser Bein für unser Gehen. Zwar sind diese beiden Organe durchaus notwendig für die genannten Funktionen, aber eben nicht alleine. Ein Gehirn ohne Sauerstoffversorgung ist eben auch nicht überlebensfähig, genauso wenig wie eine Lunge ohne Herz oder umgekehrt.

Neben dem mereologischen Fehlschluss taucht noch so manch anderer Fehlschluss in den Aussagen vieler Hirnforscher auf, die alle zu nennen nun den Rahmen dieses Beitrags sprengen würde. Fest zu halten ist allerdings, dass es der Hirnforschung vor allem an Einem fehlt: Der Einsicht in ihre sprachlichen und methodischen Probleme und der daraus entstehenden Verwirrungen. Kein Wunder also, dass sie den Erwartungen, die sie größtenteils selbst geschürt hat um sich mit Forschungsgeldern zu versorgen, nicht gerecht werden konnte. Denn sie hat sich selbst Ziele gesetzt, die von ihr prinzipiell nicht zu erreichen sind.

Der Mensch als soziales Wesen ist schlicht und einfach nicht in einem rein naturwissenschaftlichen Sprachspiel beschreibbar und auch nicht auf einzelne Organe zu reduzieren. Er muss im Vokabular der Geistes- und Sozialwissenschaften beschrieben werden und die Überlegungen zu Willensfreiheit (an der zu zweifeln es in der Philosophie weitaus bessere Argumente gibt als den physikalischen Determinismus) sowie Geist, Seele oder Bewusstsein sollten von der Philosophie behandelt werden, die sich mit diesen Begriffen schließlich schon weitaus gründlicher und länger befasst hat, als die Neurowissenschaften. Auch die Entscheidung juristischer Fragen beantworten zu wollen stellt eine Anmaßung sondersgleichen dar.

Es muss deutlich gesagt werden: Wenn die Hirnforschung jedes geistige Geschehen als physikalisch determiniertes Geschehen betrachtet, so stellt sie sich selbst in Frage! Denn was die Hirnforscher als ihr Wissen betrachten wäre dann ebenfalls nichts weiter als eine kausale Folge materieller Zustände. Man könnte Wolf Singer und Gerhard Roth also zu rufen: „Was ihr behauptet muss nicht wahr sein. Es ist lediglich eine Illusion, ein Theater auf der inneren Bühne eures Gehirns.“ Der Selbstwiderspruch liegt auf der Hand.

Ist die Hirnforschung also ein überschätzter Wissenschaftsbereich? Wahrscheinlich, jedenfalls wenn es um die Klärung philosophischer oder gar theologischer Fragen geht. Die Relevanz im medizinischen und vielleicht auch psychologischen Bereich, im Bezug auf die Behandlung von Erkrankungen und deren Ursachen, soll ihr nicht abgesprochen werden. Die Hybris allerdings, jeden wissenschaftlichen Fachbereich vereinnahmen zu können, sollte sie sich aber abgewöhnen und erst einmal ihre eigene Sprechweise hinterfragen. Sonst produziert sie nämlich nichts als Scheinwahrheiten und macht sich, mit Verlaub, lächerlich.

© Sebastian Leist

Quellen:

Roth, Gerhard: Aus Sicht des Gehirns. Frankfurt a.M. 2003

Roth, Gerhard: Schnittstelle Gehirn, Interface Brain. Bern 1996

Roth, Gerhard: Das Gehirn und seine Wirklichkeit.  Frankfurt a.M. 1997

Singer, Wolf: Der Beobachter im Gehirn. Essays zur Hirnforschung, Frankfurt a.M. 2002

Singer, Wolf: Ein neues Menschenbild? Gespräche über die Hirnforschung, Frankfurt a.M. 2003

Sturma, Dieter (Hrsg.): Philosophie und Neurowissenschaften. Frankfurt a.M 2006

Libet, B.: Mind Time. Wie das Gehirn Bewusstsein produziert. Frankfurt a.M. 2005

Knaup, Marcus: Leib und Seele oder mind and brain? Zu einem Paradigmenwechsel im Menschenbild der Moderne, Freiburg/München. 2012

Janich, Peter: Kein neues Menschenbild. Zur Sprache der Hirnforschung, Frankfurt a.M. 2009

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