[Update] Heidegger und die Schwarzen Hefte

von janstraube

Martin Heidegger. Kein Philosoph wurde in den letzten Wochen häufiger in den Zeitungen erwähnt. Schließlich erschienen im Rahmen der Gesamtausgabe die sogenannten „Schwarzen Hefte“, Notizbücher, die Heidegger zeitlebens geführt hat. Und darin: eindeutige antisemitische Äußerungen. Er war also nicht nur Nationalsozialist, was schon lange bekannt ist, sondern, inzwischen nachweislich auch noch Antisemit. Auch in Frankreich hat das große Wellen geschlagen, seit Sartre gibt es eine lange Tradition der Heidegger-Interpretation, ohne welche der Existenzialismus in seiner Form nicht möglich gewesen wäre. Doch wie ändern die antisemitischen Äußerungen das Werk Heideggers?

Zunächst sei erwähnt, dass wir die Veröffentlichung der Schwarzen Notizen Heidegger selbst zu verdanken haben. Er war der erste, der noch zu Lebzeiten damit begann seinen Handschriftennachlass an ein Archiv weiterzuleiten, und bereitete dies sorgfältig vor – der Nachlass wurde in mehreren Phasen aus seinem Büro in das Archiv weitergeleitet. Der Nachlass hat ungefähr den Umfang einer ganzen Schrankwand, mit ca. 170 Pappschubern voller Handschriften. Das deutsche Literaturarchiv in Marbach bietet Wissenschaftlern die Möglichkeit, diesen Nachlass zu durchforsten, und auch die Herausgeber der Gesamtausgabe griffen auf diesen Bestand zurück.

Heideggers Werk – ich meine hier primär das der Gesamtausgabe –  ist von großen und originären Gedanken geprägt; die Seinsfrage, die Frage nach der Technik und die Fundamentalontologie des Daseins sind Ansätze, die weitreichende Folgen für die heutige Philosophie haben – auch wenn sie wegen ihrer Unzugänglichkeit oft außer Acht gelassen werden. Doch jetzt beinhaltet das Werk antisemitische Äußerungen.

Jetzt ist der Heidegger nicht nur Nazi, sondern auch Antisemit. Und? Hat das Auswirkungen auf sein Werk, auf den Inhalt seines Denkens? Ich meine: Nein. Ich meine, eine Trennung von Autor und Werk ist nicht nur möglich, sondern auch nötig. Viele Philosophen waren Rassisten, aber das ist nicht der Grund, warum es getrennt werden sollte. Ich bin ein großer Verfechter der Trennung von Beruflichem, oder sagen wir Öffentlichem und Privaten. Ein Gespräch mit Freunden ist nun einmal grundsätzlich verschieden von einem Text wie diesem, der Allen zugänglich ist. Heidegger war sich der Öffentlichkeit wohl bewusst, und zog das private Gespräch immer vor.

Weiterhin gehört das „principle of charity“ zu den wichtigen Dingen, die ich im Studium lerne. Demnach muss, bevor ein Argument kritisiert wird, das Argument so stark wie möglich gemacht werden. Doch wozu? Nur so kann am Ende gewusst werden, wo ein Argument wirklich Schwachstellen hat. Und das sollte auch auf die Interpretation von philosophischen Werken angewandt werden.

Die FAZ versucht eine Einschätzung der Hefte in Bezug auf das Gesamtwerk: „Im engeren Sinne handelt es sich nicht um Philosophie, denn es gibt weder Argumente noch Reflexion. Heidegger genügen ein paar hingeworfene Sprüche. Mehr gab es dazu wohl auch nicht.“ Also, selbst wenn wir uns inhaltlich mit den Schwarzen Notizen im Spiegel des Gesamtwerks auseinandersetzen – wir haben es dabei, bei den antisemitischen Äußerungen, nicht mit Philosophie zu tun. Sondern mit Äußerungen, die bestenfalls persönlich sind, und die Person ist stetem Wandel unterworfen. Ich meine, das ist das Werk zwar auch – durch immer wiederkehrende Neuinterpretationen, doch es überdauert die Zeit wesentlicher als persönliche Äußerungen. Versteht mich nicht falsch: Ich möchte in der Sache des Antisemitismus Heideggers Person nicht verteidigen! Antisemitismus kann nicht verteidigt werden, weil er unvernünftig und verachtenswert ist, genau wie jeder Rassismus und Speziesismus. Aber: Ich beschäftige mich doch nicht mit Heidegger wegen seiner Person – sondern wegen seiner Philosophie! Und selbst wenn wir über die Person Martin Heidegger reden, gibt es eine Ambivalenz: Wie weithin bekannt ist, hatte er eine komplizierte und langjährige Art Beziehung zur jüdischen Philosophin Hannah Arendt. Des Weiteren finden wir die antisemitischen Äußerungen Heideggers zwischen den Jahren 1933 und 1945. Nicht davor, und nicht danach.

Die Diskussion um Heideggers Nachlass in Bezug auf seine antisemitischen Äußerungen ist letztlich ein Argument ad hominem. Hier geht es nicht um seine Philosophie, sondern um die Person Martin Heidegger. Doch diese Person ist tot. Sein Werk jedoch überdauert die Zeit.

[Update 20.01.2015]

Ich lasse den alten Text so stehen, muss mich aber von der Aussage distanzieren. Ausschlaggebend hierfür war der Rücktritt Günter Figals von der Position des Vorsitzenden der Martin-Heidegger-Gesellschaft. Wenn eine kritische akademische Stimme nicht mehr für Heidegger stehen möchte hat das doch eine gewisse Tragweite. „Für Heidegger stehen“ meint hier, sich dem Klüngel der Erben Heideggers anzuschließen, meint eine kritische Ausgabe des Heidegger-Nachlasses zu verhindern, meint: Verschleierung. Es ist im Jahre 2015 zu früh, um sich ein abschließendes Urteil über Heidegger und den Nationalsozialismus zu bilden. Eine Trennung von Werk und Autor halte ich in gewissem Rahmen nach wie vor für eine angemessene Methode, doch kann in diesem Fall weder das Gesamtwerk kritisch analysiert, noch die Verstrickungen gänzlich aufgeklärt werden.

Ich halte nach wie vor Sein und Zeit für eines der bedeutendsten Werke der Philosophie. Man kann dieses Werk isoliert betrachten. Doch ist es nicht ausreichend, ein Gesamturteil über Heidegger zu bilden. Für erste Ansätze in dieser Richtung empfehle ich Thomas Vašeks Beitrag im Hohe Luft Magazin. Außerdem den umfangreichen Artikel der FAZ zu den Schwarzen Heften.

Es ist nicht mehr haltbar, die antisemitischen Äußerungen Heideggers aus dem Werk zu isolieren, es ist sogar so, dass wesentliche Merkmale seines Denkens (Das Man, das Geschick etc.) eine Verknüpfung mit nationalsozialistischen Gedanken ermöglicht haben. Es bedarf umfangreicher kritischer Analyse. Heidegger darf von seinen Erben nicht mehr als Schatz behandelt werden, als Rohdiamant der noch geschliffen werden muss. Es müssen die Fakten (sprich: der gesamte Nachlass) jedem Forscher zugänglich gemacht werden. Die Verfehlungen Heideggers müssen eingestanden werden.

Es wurde bisher der frühe Heidegger vom Naziheidegger getrennt, und dieser wiederum vom späten Heidegger, dem Heidegger nach der Kehre. Diese Trennung muss aufgegeben werden, und mit obigen Forderungen ein Gesamtbild des Denkweges erschlossen werden.

Abschlussnotiz: Ich empfehle die aktuelle Sonderausgabe des Philosophie-Magazins zur Philosophie des Nationalsozialismus.

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