Extremismus, Rechtspopulismus, Reaktionäre und Gutmenschentum

von sebastianleist

Sarrazins neues Buch „Der neue Tugendterror“, die heftig kritisierte Rede der Büchner-Preisträgerin Lewitscharoff, eine Petition gegen den Bildungsplan Baden-Württemberg 2015 und vermehrte Angriffe auf Asylantenheime und Immigranten:

Was haben all diese Ereignisse gemeinsam? Gut, direkt vielleicht nichts, aber in ihrer Summe zeigen sie eine beunruhigende Tendenz, die dem aufmerksamen und politisch interessierten Bürger nicht verborgen geblieben sein kann. Eine Tendenz, die es wahrscheinlich schon länger gibt, die sich nun aber mehr und mehr manifestiert und langsam auch immer deutlicher in der Öffentlichkeit präsent wird. Hatte man vor einigen Jahren die Äußerungen Eva Hermanns bei Johannes B. Kerner noch als Entgleisungen einer geistigen Tieffliegerin abtun können, so ist spätestens seit dem Erscheinen von Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“  und den darauf folgenden Reaktionen („Das wird man doch wohl noch sagen dürfen), klar wohin die Reise geht.

Sie geht rückwärts. Zurück zu Zeiten, die wir doch eigentlich gehofft hatten überwunden zu haben. Zeiten in denen unsere Eltern gegen die Altnazis aufbegehrten, die damals noch ihre Eltern oder Großeltern, Lehrer und Polizisten waren, Zeiten in denen es noch strafbar war offen homosexuell zu sein, in denen man den Wehrdienst nur verweigern konnte, wenn man sich vor einer Komission als absoluter Feigling darstellte, in denen der politische Mainstream derartig konservativ war, dass man es für nötig hielt einen sogenannten „Radikalenerlass“ gegen das langhaarige linke Gesocks ins Feld zu führen. Es geht zurück zu Zeiten, die sich kein vernünftiger Mensch zurück wünschen kann.

Zurück zu Zeiten sogar, in denen Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder Religionszugehörigkeit diskriminiert wurden, in denen dies nicht nur geduldet war, sondern zum guten Ton gehörte. Nur, dass man heute nicht mehr die Juden für alles verantwortlich machen darf, natürlich nur aufgrund der „political correctness“, gegen die sich Herren wie Sarrazin und auch radikalere Stellen ja ständig zu wehren scheinen müssen. Die Juden als Feindbild sind sowieso längst vom bärtigen Muselmann abgelöst worden, der alles daran setzt in unserem schönen Deutschland die Sharia einzuführen und sonst nur für den Obst- und Gemüsehandel relevant ist. Spätestens seit den NSU – Morden allerdings sollten wir bei solcherlei Aussagen mehr als hellhörig werden.

Denn es ist kein Ausdruck von „links-grüner Meinungsdiktatur“ wenn man sich gegen derartige Strömungen positioniert, es ist vielmehr der gesunde Menschenverstand, der dies fordert. Die Entwicklungen hin zu einer multikulturellen und pluralistischen Gesellschaft und auch die Akzeptanz von Vielfalt, sei diese religiöser, sexueller oder kultureller Natur, sowie die allgemeine Verschriftlichung der Menschenrechte, ist nicht nur eine konsequente Reaktion auf die Folgen des Gegenteils gewesen, der Nazi-Diktatur und ihrem Nationalismus, sondern auch die einzig angemessene Antwort auf die Herausforderungen der Gegenwart. Globalisierung, demografischer Wandel und der technologische Fortschritt mit all seinen Konsequenzen kann nicht durch einen sozialen und mentalen Rückschritt bewältigt werden.

Festmachen lässt sich diese Entwicklung neben den genannten populistischen Veröffentlichungen und Äußerungen auch an aktuellen politischen Entwicklungen. So ist beispielsweise rechts der CDU nun eine weitere Partei in der deutschen Parteienlandschaft aufgetaucht, die deutlich macht, dass offen rechtspopulisitsche und auch christlich-fundamentalistische Haltungen nicht länger eine Randerscheinung darstellen.

Denn es ist eben nicht der „linke“ Mainstream (der, wenn man das letzte Wahlergebis betrachtet, ja faktisch gar nicht existiert) der die Meinungsfreiheit in unserem Land bedroht, wie es so mancher darstellt, sondern es sind viel mehr die rektionären Tendenzen die von einer ganzen Sippe an Populisten lautstark verbreitet werden und die behaupten, von den linksliberalen Medien unterdrückt zu werden, selber aber verhindern wollen, dass ihre Kinder in der Schule über verschiedene Lebensmodelle aufgeklärt werden. Meinungsfreiheit bedeutet nämlich nicht, dass man sagen kann was man will ohne dafür offen kritisiert zu werden. Meinungsfreiheit bedeutet nur, dass man es darf ohne rechtliche Konsequenzen fürchten zu müssen! Das perfide an der Argumentation von Sarrazin und Konsorten: Sie versucht selbst die Meinungsfreiheit einzuschränken. Die Meinungsfreiheit beispielsweise, Thilo Sarrazin einen Rassisten nennen zu düfen oder christliche Traditionen auch in der Schule in Frage zu stellen.

Woher kommt diese Entwicklung? Wovon fühlen sich diejenigen bedroht die in meist aggressiver Manier gegen Schwule, Muslime, Sinti und Roma, Linke und Umweltschützer, Veganer und Feminist/Innen, etc., hetzen und diesen oftmals das Etikett „Gutmensch“ anhängen?
Zugegeben: Ich mische hier viele Strömungen zusammen, sowohl auf „rechter“ als auch auf „linker“ Seite. Jedoch ist dies eben auch genau das Vorgehen derjenigen, die ich hier kritisiere. Denn genau in dieser Vielfalt der Meinungen und Strömungen liegt möglicherweise die Ursache für die reaktionären Bestrebungen der Wertkonservativen.

Die Welt wird immer komplizierter, schnelllebiger, für viele auch bedrohlicher. Wahr ist: Wir stehen vor gewaltigen Aufgaben und Herausforderungen. Wahr ist auch, dass es innerhalb des Spektrums linker und grüner Gesinnung viele Positionen gibt, die nicht jeder teilen muss und die manchmal auch ein wenig aggressiv unter das Volk gebracht werden. Jeder, der mal mit einem radikalen Veganer oder einem linken Anarchisten diskutiert hat, weiß das. Auch gibt es sicherlich radikale Islamisten, die man durchaus kritisieren und beobachten muss und die genauso wie gewaltbereite Rechts- oder Linksextremisten nicht verharmlost werden sollten. All dies soll hier gar nicht verneint oder verleugnet werden. Was jedoch ist der richtige Umgang mit diesen Phänomenen?

Für die Reaktionäre, Rechtspopulisten und religiösen Fundamentalisten ist es der Rückzug in ihr Schneckenhaus, die Abschottung. Ob sie nun als Rückkehr zur D-Mark, der Bewahrung der traditionellen Famile, der Ablehnung von Zuwanderung oder der Besinnung auf nationalistische oder christliche Werte besteht, die Ursache ist immer eine Angstreaktion, eine Reaktion auf die Überforderung durch eine immer komplexere und  undurchschaubare Welt. Die Besinnung auf bewährte Werte ist daher nur verständlich. Ist sie aber eine Lösung? Wohl kaum.

Denn die Welt dreht sich weiter und die internationalen Verstrickungen nehmen eher zu als ab. Dies gilt sowohl in Bezug auf wirtschaftliche Entwicklung als auch auf soziale. Denn mehr und mehr Menschen sind vernetzt miteinander, tauschen sich aus, bekommen Einblick in die Lebenswelt der Anderen. Wir können uns einfach nicht mehr auf unsere Insel zurückziehen und den Rest der Welt sich selbst überlassen und glauben, diese gehe uns nichts an. Diese Haltung ist einfach naiv und vor allem erstickt sie eine der wichtigsten menschlichen Eigenschaften: Die Empathie. Denn wenn wir uns dem Fremden verschließen, den Anderen wegdrängen, uns nicht mit ihm identifizieren wollen, wird unser natürliches Mitgefühl unterdrückt.

Was wir also brauchen ist mehr Pluralismus und mehr „links-grüne“ Politik. Der große und entscheidende Unterschied zwischen dem konservativen und dem linken Lager ist nämlich folgender: Während die Konservativen ihren Fokus verengen, sich auf diejenigen konzentrieren die ihnen nah sind, ihre Werte und Denkweisen teilen, haben die Linken das Ganze im Sinne, stehen für eine Welt in der wir als Menschheit alle gemeinsam an der allgemeinen Wohlfahrt arbeiten und alle die gleichen Rechte haben, wie beispielsweise frei von Diskriminierung, Ausbeutung und Unterdrückung zu leben.

Was wir brauchen ist eine Fortsetzung der Aufklärung, keinen Rückschritt in das Denken des christlich – fundamentalistischen Mittelalters oder der Zeit nationalistischer Diktaturen. Wir müssen beginnen uns miteinander zu solidarisieren, als fühlende Wesen, als gleichberechtigte Bewohner dieses Planeten und einander mit Respekt und Vertrauen zu begegnen, anstatt weiter die Angst voreinander und damit Fremdenfeindlichkeit, Misstrauen und weitere Vorurteile zu sähen. Wir müssen – als eine Erweiterung der christlichen Nächstenliebe – das entwickeln, was Nietzsche die „Fernstenliebe“ genannt hat. Dies bedeutet aber, seinen Kokon zu verlassen und bereit zu sein, sich auch mit dem Fremden zu identifizieren. Denn nur gemeinsam haben wir als Menschheit eine Chance die Herausforderungen zu meistern, die dieses Jahrhundert für uns bereit hält.
Ich persönlich werde mich also weiter für Menschenrechte, Toleranz, Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit einsetzen und lasse mich dafür gerne als Gutmensch beschimpfen.

© Sebastian Leist

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