Selbstliebe, Eigenliebe und Mitleid bei Rousseau

von sebastianleist

Wenn ich verplichtet bin, meinem Mitmenschen kein Leid zuzufügen, so scheint dies in der Tat weniger deshalb so zu sein, weil er ein rein vernünftiges als deshalb, weil er ein empfindendes Wesen ist: Eine Eigenschaft, die, da sie dem Tier und dem Menschen gemeinsam ist, dem einen zumindest das Recht verschaffen muss, vom anderen nicht unnütz mißhandelt zu werden.

– Rousseau, Jean-Jaques: Diskurs über die Ungleichheit. S.57

Das Mitgefühl mit anderen empfindenden Wesen geht für Rousseau der Vernunft voraus. Es ist neben dem Selbsterhaltungstrieb die zweite natürliche Fähigkeit, die der Mensch besitzt, noch bevor er sich selbst als solchen erkennt. Es ist also keinesfalls so, wenn man Rousseau folgt, dass der Mensch von seiner Natur her ein agressives und gewalttätiges Wesen besitzt, wie es beispielsweise Hobbes annahm. Der Mensch ist seinem Mitmenschen kein Wolf, und wenn, dann nicht aufgrund seiner Natur, sondern nur weil es die Umstände nötig machen. Ob diese Umstände nun natürlicher oder gesellschaftlicher Ursache entspringen, immer ist es ein großes Unglück und eine vorhergehende Notsituation, die den Menschen dazu bringt, Böses zu tun. Der „natürliche Mensch“, der Mensch dessen Versorgung nur von ihm selbst abhängt und der ohne fremde Hilfe zu überleben imstande ist, hat keinen Grund seinem Mitmenschen (oder auch anderen empfindsamen Wesen) Schaden zuzufügen. So sprach sich Rousseau auch für eine fleischlose Ernährung aus und folgt dabei dem Gedanken Plutarchs, den dieser in seiner Schrift „Über das Fleischessen“ formuliert hat.

Ein Mensch dessen Überleben nicht bedroht ist, hat kein Interesse am Schaden anderer. Denn er hätte keinerlei Vorteil davon. Viel eher würde die natürliche Abscheu vor dem Leid ihn abstoßen und dazu bringen ihr zu entfliehen. Erst die Bedrohung der eigenen Existenz also treibt den Menschen zur Gewalt. Dies wiederum liegt in der ersten natürlichen Eigenschaft des Menschen begründet, die Rousseau erwähnt: Dem Selbsterhaltungstrieb, oder wie er es nennt: Der „Selbstliebe“. Diese stellt die Liebe zur eigenen Existenz dar, sie ist eine natürliche und damit für Rousseau auch eine gute Eigenschaft und nicht mit dem zu verwechseln was man allgemein unter dem Begriff „Egoismus“ versteht. Viel mehr ist die Selbstliebe die Grundeigenschaft die es uns erst ermöglicht auch andere zu lieben. Nur die Liebe zu uns selbst macht uns auch unsere Mitmenschen kostbar. Denn, so schreibt Rousseau:

Wir suchen, was uns dienlich ist; wir lieben, was uns liebt. Wir fliehen, was uns schädlich ist; wir hassen, was uns schaden will.

– Rousseau, Jean-Jaques: Emil oder über die Erziehung. S.212

Diejenigen welche wir lieben sind also zu Beginn des Lebens die Eltern oder Ammen und Kindermädchen, Geschwister, etcetera. In jedem Falle aber die Menschen auf die wir in unseren ersten Jahren angewiesen sind. Der Mensch ist also nur aufgrund seiner Selbstliebe und der Schwäche die ihm das Kindesalter beschert, überhaupt zur Liebe fähig. Die Liebe zu sich selbst weitet sich somit auf den Kreis der Personen und Dinge aus, die für sein Überleben notwendig sind und ihn darin unterstützen. Nur die Schwäche also macht den Menschen gesellig. Allerdings ist es eben auch diese Schwäche, welche zu der besagten Bosheit und zum „Kriege aller gegen alle“ führt. Denn schnell kann die Selbstliebe in die schädliche Form der Egozentrierung wechseln. Diese nennt Rousseau die „Eigenliebe“. Sie ist nämlich im Gegensatz zur Selbstliebe nicht mehr nur auf die eigene Existenz gerichtet, sondern hängt von der Gesellschaft ab, dem persönlichen Umfeld und dessen Urteil. Sie äußert sich durch das Geliebt-werden-wollen, in der unrealistischen Annahme, die Anderen müssten einen ebenso sehr lieben, wie man das selbst tut. Eine Forderung, die natürlich unerfüllbar bleiben muss, da die Anderen ja ebenfalls sich selbst den Vorzug geben. Folgen dieser Egozentrierung die nur auf dem Vergleich zu der Gesellschaft beruht und die niemals befriedigt werden kann, sind Stolz, Selbstverliebtheit und Egoismus. Diese Eigenschaften, da sie in der Gesellschaft in jedem Individuum aufkeimen, weiten sich nun auf die gesamte Gesellschaft aus, es entstehen Phänomene wie Neid, Mißgunst und Hass.

Da jeder bevorzugt werden möchte, gibt es bald Unzufriedene. Mit der Liebe und der Freundschaft entstehen Mißhelligkeiten, Feindschaft und Haß. Auf so vielen unterschiedlichen Leidenschaften baut die Meinung der Menge ihren unerschütterlichen Thron, und törichte Menschen, die sich seiner Herrschaft unterwerfen, gründen ihr Leben auf die Urteile anderer. Denkt man diesen Gedanken weiter, so sieht man, woher unsere Eigenliebe die Gestalt nimmt, die wir für die natürliche hielten; und ferner, wie die Selbstliebe, wenn sie aufhört, ein absolutes Gefühl zu sein, in großen Seelen zu Stolz, in kleinen zur Eitelkeit wird, sich aber bei allen auf Kosten des Nächsten nährt.

– Rousseau, Jean-Jaques: Emil oder über die Erziehung. S.214

Das „Böse“ also, sofern es nicht aus der Notwendigkeit erwächst sich selbst am Leben zu erhalten, entspringt nicht der Natur des Menschen sondern aus der Gesellschaft. Die Eigenliebe, das Geltungsbedürfnis vor den Anderen ist es, was den Menschen zum ewigen Kampfe gegeneinander antreibt, selbst wenn es nicht um das Überleben geht. Alles Leid der Menschen stammt also ursächlich vom Menschen selbst, nicht von der Natur und auch nicht „weil das Leben kein Ponyhof“ ist, wie man so oft hört. Es ist die menschliche Sucht nach Anerkennung, die Abhängigkeit von dem Urteil der Allgemeinheit, der man ja nicht mehr entfliehen kann, da der Mensch den Naturzustand seit Langem verlassen und sich durch Arbeitsteilung und Landbesitz mehr und mehr aneinander gebunden hat. Diese Eigenliebe, die der natürlichen Selbstliebe entstammt welche durch die Gesellschaft quasi pervertiert wird, erstickt wiederum das natürliche Mitgefühl. Ein Auswuchs dieser Entwicklung ist laut Rousseau auch die auf Vernunft beruhende Moralphilosophie. Denn diese dient seiner Ansicht nach weniger dem Anliegen den Menschen zu verbessern, sondern seine Übeltaten abzusegnen, sie als notwendig oder gerechtfertigt darzustellen. Der Einzelne ist zwar immer noch für seine Taten verantwortlich, das Übel der Menschheit aber erwächst aus den gesellschaftlichen Zwängen und die soziale Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Kriminalität sind Folgen davon. Ebenso Gewalt, Krieg und Völkermord. Dies gilt in Zeiten der Globalisierung sogar ganz besonders.

Glücklich sind die Völker, in denen man ohne Opfer gut und ohne Tugend gerecht sein kann! Wenn es auf der Welt einen Jammerstaat gibt, wo niemand leben kann, ohne Übles zu tun, und wo der Bürger aus Not zum Gauner wird, dann dürfte dort nicht der Übeltäter gehenkt werden, sondern der, der ihn dazu zwingt.
– Rousseau, Jean-Jaques: Emil oder über die Erziehung. S.191

Tugend, die künstliche und von den Moralphilosophen diktierte Form der Moral ist nichts weiter als eine Form der Machtausübung und bestenfalls Makulatur, sie zementiert die Ungerechtigkeit nur und trägt nichts zu deren Auflösung bei. Die Ursache des Bösen ist eine Entfernung von der menschlichen Natur, ein Zustand der Depravation. Das natürliche Mitleid wurde mehr und mehr verdrängt, teils absichtlich von den Herrschenden unterdrückt, indem man die Menschen gegeneinander aufhetzte, teils auch von den Philosophen durch das Zurechtlegen von Argumenten. Unter dem Fenster eines dieser Philosophen könne man sogar einen Menschen ermorden, dieser würde sich dann lediglich die Ohren zu halten und ein paar Argumente finden um nicht helfen zu müssen, meint Rousseau. Ob man ihm in dieser Radikalität wirklich folgen muss, bleibt einem jedem selbst überlassen. Was er allerdings damit sagen will ist klar: Die Moral kann nicht auf das Mitleid verzichten, denn sonst ist sie ein reines Gedankenspiel. Ohne die Fähigkeit sich an die Stelle des Anderen zu setzen, ist jegliche Einsicht in die tatsächliche Verpflichtung sich an die moralischen Grundregeln zu halten undenkbar. Selbst die goldene Regel, das Gebot jeden zu behandeln wie man auch von ihm behandelt werden will, muss auf der Empathie beruhen, auf der Fähigkeit, sich in den Anderen hinein zu versetzen.

„Die aus der Selbstliebe abgeleitete Menschenliebe ist die Grundlage der menschlichen Gerechtigkeit.“

– Rousseau, Jean-Jaques: Emil oder über die Erziehung. (S.239)

Es braucht also grundsätzlich die Fähigkeit des Mitleids um den Menschen „Zum Guten“ zurück zu führen. Dazu aber muss der Mensch wieder bereit sein, sich dem Gefühl des Mitleids zu stellen und er muss befreit werden von äußeren Zwängen, die ihn in ständige Konkurrenz mit seinen Mitmenschen bringen. Denn Konkurrenz ist für Rousseau nichts Positives, kein Antrieb zum Wohle der Gemeinschaft, keine Tugend, wie es beispielsweise die heutige Leistungsgesellschaft darstellt. Der Mensch sollte nur sich selbst zum Rivalen haben. Dies bedeutet, er soll sich nicht an den Anderen messen, sondern nur den eigenen Fortschritt sehen. So wird der Mensch in seiner Selbstliebe bestärkt und nicht in seiner Eigenliebe. Er wird damit mehr und mehr fähig, sein Glück auch nur in sich selbst zu finden. Und mit dieser Entwicklung wird er auch immer weniger abhängig von dem Urteil der Gesellschaft. Ohne den Geltungsdrang erstarkt auch wieder sein natürliches Mitleid. Man kann diese Entwicklung als einen Engelskreis bezeichnen, denn das Mitleid kann auch eine große Quelle des Glücks sein. Denn es ist wie Rousseau sagt, „süß“:

Da wir allen Übeln des Lebens unterworfen sind, und jeder dem anderen nur soviel Mitleid zuwendet, wie er gerade für sich selber nicht braucht, muß das Mitleid ein süßes Gefühl sein. Es legt Zeugnis von unserem Glück ab und beweißt zugleich, daß ein harter Mensch auch immer unglücklich ist, weil sein Herz keinen Überschuß an Gefühl für die Leiden anderer übrigläßt.

Rousseau, Jean-Jaques: Emil oder über die Erziehung. S. 232

Wichtig ist also, dieses Gefühl wieder zu entdecken, zu kultivieren und den Menschen mehr auf seine bereits vorhandenen Qualitäten zurück zu führen. Dazu gehört das Entwickeln von Selbstgenügsamkeit und die Abkehr von eingebildeten Notwendigkeiten für das persönliche Glück sowie die Auflösung von Abhängigkeit von der Gesellschaft. Gerade in Bezug auf die moderne Konsumgesellschaft, die zu vermehrten globalen Verstrickungen führt, den Menschen immer stärker von Geschehnissen abhängig macht auf die er allenfalls indirekt, wenn nicht gar überhaupt keinen Einfluss hat und ihn somit völlig von sich selbst enfremdet, ist dieser Gedanke besonders interessant. Anstelle von mehr und mehr unbefriedigendem Konsum, welcher zu Neid, Ausbeutung und anderen negativen Konsequenzen für die Menschheit führt, und der früher oder später einen Zusammenbruch der modernen Gesellschaft führen wird, sollte man sich vielleicht wieder mehr mit sich selbst, seinen eigenen Qualitäten und dem Mitgefühl mit seinen Mitmenschen befassen. Ein Gedanke, mit dem Rousseau keinesfalls alleine ist. Ähnliches lehrt beispielsweise auch der Buddhismus.

 

Quellen:

Rousseau, Jean-Jaques: Diskurs über die Ungleichheit. Paderborn 2001.
Rousseau, Jean-Jaques: Emil oder über die Erziehung. Paderborn 1998.

© Sebastian Leist

 

Advertisements