Plädoyer für Europa

von sebastianleist

Europa, gezeugt in der Antike, geboren im Mittelalter und langsam reif und erwachsen geworden im Zeitalter der Aufklärung und der Moderne, hat vieles hinter sich: Vom Zusammenbruch des römischen Imperiums über Jahrhunderte der Barbarei, über die Herrschaft Karls des Großen, die Zeiten der Kreuzzüge und des Kolonialismus, über unzählige weltliche oder religiöse Konflikte, den Absolutismus bis hin zur Befreiung von deren Unterdrückung im Lichte der Aufklärung, über die Industrialisierung und ihre Folgen, über die schrecklichen Jahre des ersten und des zweiten Weltkrieges, Europa war immer eines: Ein dynamisches und heterogenes Gebilde, ein Gemisch vieler Völker, eine Geschichte aus vielen Geschichten. Daher sind, auch wenn die Idee Europas vergleichsweise modern ist, die verschiedenen Geschichten und Kulturen Europas, trotz so mancher Verschiedenheit, seit Jahrtausenden miteinander verwoben.

Natürlich hat in dieser Geschichte auch das Christentum seinen Platz. Anfangs noch verfolgt und mit dem Tode bedroht, wurde die christliche Gemeinschaft zu einer gestaltenden Kraft, über die man bei der Betrachtung der Geschichte Europas nicht hinwegsehen kann. Einerseits eine Triebfeder für Bildung und Künste, Gemeinschaft stiftend und eine gewisse Identität begründend, andererseits ein Mittel der Repression und Machtausübung, war es doch unleugbar auch das christliche Denken, welches den Kontinent entscheidend prägte. Doch nicht nur dem Christentum haben wir einige Hinterlassenschaften, sowohl im positiven Sinne als auch im negativen, zu verdanken. Denn auch das Judentum und sogar der Islam haben einen nicht zu unterschätzenden Teil beigetragen. Ohne die Bedrohung, aber auch die Handelsbeziehungen und kulturellen Beeinflussungen aus dem Osten, ohne die Überlieferung vieler Texte aus dem arabischen Raum, die dem christlichen Abendland zuvor verloren gegangen waren, wäre Europa heute nicht was es ist.

Doch das heutige Europa beruht nicht alleine auf der Religion. Viel entscheidender für die Moderne und die heutigen Werte der Europäischen Gemeinschaft war das Zeitalter der Aufklärung. Die Befreiung des Menschen von der Willkürherrschaft des Klerus und der absolutistischen Herrscher und die Befreiung von der Unmündigkeit durch die Bildung und die Wissenschaften, ist die wahre Errungenschaft dieses Kontinents. Dass der Mensch frei und gleich geboren ist, dass keiner von Natur aus dem Anderen zu dienen hat und dass auch nicht der Glaube über die Menschen zu herrschen hat, ist ein Denken welches uns allen den Weg zu der Freiheit geebnet hat, in der wir heute leben. Denn die Denker der Aufklärung entdeckten unter Anderem ein Erbe der Antike wieder, welches über das Mittelalter geschlummert hatte: Den Gedanken der Demokratie. Auch wenn der Weg noch weit war und teilweise über blutige Revolutionen führte, über zwei Weltkriege, welche die Mitte Europas zu einem einzigen Schlachtfeld werden liessen: Letzten Endes setzte sich die Demokratie durch und die Erkenntnis, dass es den europäischen Völkern nur gelingen würde den Frieden zu sichern, wenn sie es gemeinsam taten.

Als Reaktion auf die Verbrechen des Nationalsozialismus und die Grauen der Kriegsjahre, wurde 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte in Paris abgefasst. Sie verkündete endgültig das Bekenntnis, dass der Mensch, wo auch immer er geboren werden mag, frei und gleich an Rechten auf die Welt kommt und nichts und niemand ihm diese unveräußerlichen Rechte nehmen kann. Dies ist meines Erachtens einer der Grundpfeiler unserer Wertegemeinschaft. Weder das Christentum noch Religion im Allgemeinen ist es, sondern die Idee der Freiheit und Gleichheit und des Wertes des menschlichen Lebens. Die meisten Europäischen Länder sind heute demokratisch regiert. Die europäische Union hat 28 Mitgliedsstaaten und über 1 Milliarde Einwohner. Diese Gemeinschaft hat es ermöglicht, Grenzen dauerhaft abzuschaffen, hat es ermöglicht einen gemeinschamen Handelsraum zu schaffen, der allen nutzt, vor allem aber uns Deutschen. Auch die Entscheidung hin zu einer gemeinsamen Währung, so kontrovers diese auch diskutiert werden mag, hat die Länder Europas nun auch wirtschaftlich zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen geschweißt. Die Entwicklung hin zu mehr Gemeinschaft und weg vom Denken in Nationen und Völkern ist nicht nur von wirtschaftlichem Vorteil, sie ist auch Heilmittel gegen die Krankheit der Fremdenfeindlichkeit und der Unterdrückung von Minderheiten.

Der Weg zu einer Gemeinschaft, welche die Werte der Aufklärung und der Demokratie lebt, kann nicht im Rückfall zur nationalen Identität bestehen. Er muss, um dem Gedanken der Gleichheit gerecht zu werden, über eine Stärkung der demokratischen Strukturen Gesamteuropas führen.  Dies aber erfordert eine stärkere Identifizierung der Europäer mit den genannten Idealen. Nicht ohne Grund sind es gerade die Rechtspopulisten, welche sich als die großen Europaskeptiker hervortun. Denn ihnen ist die Idee der Gleichheit und Freiheit ein Dorn im Auge.

Natürlich ist nicht alles gut in Europa, Probleme gibt es genug. Jedoch sind diese nicht zu lösen, indem man Wahlen boykottiert oder sich lautstark auf irgendwelchen Mahnwachen gebärdet und gegen die europäischen Werte hetzt. Wer in der Demokratie etwas ändern will, muss einerseits wählen gehen und sich zudem auch anderweitig in den demokratischen Prozess einbringen. Denn wir alle haben es in der Hand, wie demokratisch dieses Europa in Zukunft sein wird.

Deshalb: Am Sonntag wählen gehen und Europa nicht seinen Feinden überlassen! Ein Europa der Rechtspopulisten ist in jedem Falle das Schlimmste zu dem es werden kann!

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