Reflexionen an einem Sommertag

von sebastianleist

Ich sitze. Um mich herum Vögel und Wind und ein wenig Autobahn. Grün ist alles und zwitschert, während die Sonne das Weiß der wenigen Wolken bestrahlt. Blätter im Wind singen das Lied des Sommers. Kitschig, irgendwie. Trotzdem ehrlich. Schornsteine und Baukräne stören die Idylle. In der Ferne ragen sie über die Bäume und zeigen der Natur den Mittelfinger. Die LKW der nahen Schnellstraße atmen heftig und ihr Stöhnen klingt mitleiderregend im Vergleich zum freien Gesang der Vögel. Windräder schaufeln gemächlich die Energie aus der Luft. Neben den rauchenden Schloten stehen sie wie das halbherzige Bekenntnis zu einer besseren Zukunft. Ein merkwürdiges Nebeneinander: Natur und Technologie, Mensch und Welt. Stehen sie nebeneinander oder gegeneinander? Oder ist dieses Denken in Kategorien nicht bereits die Ursache jeglicher vermeintlicher Gegensätze. Wahrscheinlich schon, doch was tut das zur Sache? Fruchtlose Reflektion über Gott und die Welt. Nur: Die Welt existiert, da bin ich mir recht sicher. Wenn selbst nur als phänomenales Geschehen. Gott hingegen ist reine Abstraktion, ein Hirngespinst. Nicht Gott ist verantwortlich: Wir sind es, für uns selbst, für einander, für die Welt die wir erleben.

Die Natur ist ruhig. Nicht lautlos, nicht still. Ruhig aber in ihrem stetigen Wandel und selbst in ihren Geräuschen. Bedächtig und gleichmäßig. Die Menschen sind unruhig, nervös. Sie sind dem natürlichen Frieden entrissen, dem Paradies entflohen, nicht verbannt worden, nein geflohen in eine vermeintlich bessere Welt. Die Natur verlangt nichts von uns. Sie stellt die Regeln des Überlebens auf durch die Notwendigkeiten. Sie gibt uns Fähigkeiten, wir haben die Freiheit diese zu nutzen. Wie wir sie nutzen und die Folgen sind nur uns selbst anzulasten. Nicht einem toten Gott, nicht dem deterministischen Schicksal der physikalisch beschriebenen Welt. Nicht unausweichlichen Kausalketten. Uns, sowohl als Individuum als auch als Kollektiv, haben wir alles zuzuschreiben. Das Gute wie auch das Schlechte. Die Errungenschaften der Zivilisation, wie auch die Schäden und das Damoklesschwert der eigenen Vernichtung, welches in Silos und Bunkern, nicht am seidenen Faden, sondern hinter Stahlbeton sich geduldig im Warten übt.

Die Büchse der Pandora, welche dasselbe symbolisiert wie auch das Feuer Prometheus, sie ist geöffnet und ihr Inhalt jault nun über die Straßen, Himmel, Weltmeere und auch durch unsere Adern. Ihr Inhalt ergießt sich in Flüsse und Seen, sickert ins Grundwasser, entfleucht in die Atemluft, sammelt sich an in gewaltigen Strudeln, brennt in mächtigen unterirdischen Feuern, verwest in den Slums der großen Städte. Der Mensch musste immer schon kämpfen. Einst gegen Tiere, nun gegen sich selbst. Die Natur ist vom übermächtigen zum ebenbürtigen Gegner, und schließlich zum scheinbar Unterlegenen geworden. Welch eine Illusion! Die Hybris der Menschheit ist ihr wahrer Fluch. Gedanken, Jahrtausende alt, noch immer nicht angekommen. Doch wohin? Der Weg ist versperrt, das Zurück eine Utopie, eskapistische Fantasterei. Nur nach vorne geht es. Getrieben von den neuen Notwendigkeiten, die nicht mehr die Natur sondern wir selbst uns geschaffen haben.

Das Zwitschern der Vögel: Immer noch!

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