Kultur des Hasses – Hass der Kulturen?

von sebastianleist

Hass, Missgunst und Konflikte prägen die Menschheitsgeschichte schon Jahrtausende. Ob in verbaler oder in tatsächlich gewalttätiger Auseinandersetzung, immer wieder geraten Menschen, oder Gruppen von Menschen, über dieses oder jenes aneinander. Das daraus entstehende Leid ist oft so groß, dass die tatsächliche und zugrunde liegende Ursache der Fehde häufig nicht mehr bewusst ist, oder gar zur Nebensache wird. Es geht ab diesem Punkt nur noch um den Streit selbst und um die Behauptung gegen den Kontrahenten, der mit zunehmender Intensität mehr und mehr entmenschlicht, gar monströs erscheint und so auch die Hemmschwelle sinkt, das ihm angetane Leid noch weiter zu steigern. Dies gilt leider für die meisten, wenn nicht gar alle Konflikte unter Menschen die dieser Planet bisher gesehen hat.

Viele führen diese Tatsache auf eine dem Menschen von Natur aus innewohnende Eigenschaft zurück, die ihn mit den Tieren verbindet: Den radikal egoistischen Trieb zur Selbsterhaltung, der sich in rücksichtsloser Weise Geltung verschafft und dem nur die durch das Gesetz institutionalisierte Angst Einhalt zu gebieten imstande ist. Der Mensch sei dem Menschen ein Wolf, so heißt es. Dieser Eindruck mag sich scheinbar bestätigen, sieht man sich nur die allabendlichen Nachrichten an oder liest man in einem Geschichtsbuch. Kaum eine Zeit, in der sich nicht ständig die Leute den Schädel einschlagen, sich verbrennen, pfählen, köpfen, steinigen, mit Pfeil und Bogen, Kanone oder Maschinengewehr den Gar aus machen oder anderweitige, teils geniale Methoden ersinnen um sich gegenseitig umzubringen.

Doch ist dies tatsächlich die menschliche Natur? Rousseau beispielsweise ist radikal anderer Ansicht. Er zeichnet den Menschen im vorzivilisatorischen Zustand als friedlich, genügsam und ungesellig, das heißt: autark. Er kommt ohne die Institutionen der modernen Gesellschaft aus, ist ohne diese sogar weitaus zufriedener und viel seltener gewalttätig. Auch wenn er ohne den heutigen Luxus oder medizinische Versorgung existieren muss, so lebt er ein Leben im Einklang mit sich und der Natur. Diese Vorstellung vom natürlichen Menschen, oftmals fälschlich als „der edle Wilde“ bezeichnet (Rousseau selbst nennt diesen Ausdruck nirgends), erscheint uns heute als kitschige Träumerei, als bloßer Eskapismus aus der engen und vom Absolutismus geprägten Gesellschaft Frankreichs im 18. Jahrhundert. Sie ist aber mehr als das.

Die Vorstellung eines ewigen und schrecklichen Kriegszustandes, wie sich beispielsweise Thomas Hobbes den Naturzustand vorstellt, teilt zwar auch Rousseau, anders als Hobbes aber leitet er diesen Zustand des „Krieges aller gegen alle“ nicht aus der Natur, sondern aus der Gesellschaft ab. Und in einem wichtigen Punkt scheint er damit Recht zu haben: Kriege sind grundsätzlich Gesellschaftszustände und basieren, egal welcher Größe die beteiligten Gruppen sind, immer auf einem Freund-Feind (ingroup – outgroup) -Dualismus. Die eigene Gruppe gewinnt dabei ihre Stärke durch die Abgrenzung von den „Anderen“, den Fremden. Gerade in Zeiten des Konfliktes, und hier komme ich auf die momentane Situation (besonders in den Medien vertreten sind momentan die Ukraine und Gaza) zu sprechen, wird diese Abgrenzung und die daraus entstehende Einigkeit innerhalb der Gruppe besonders stark.

Es scheint mir nämlich, und ich bin mir sicher auch anderen, so zu sein, dass gerade in Diskussionen im Internet, allen voran auf Facebook, die sachliche und besonnene Diskussion über diese Konflikte kaum möglich ist. Dies liegt wohl einerseits am Medium selbst – man muss schließlich dem Gegenüber nicht in die Augen sehen, und das Phänomen des „Trollens“ ist allgegenwärtig – andererseits wohl auch an der überall verbreiteten, und im Informationszeitalter wichtiger und wichtiger werdenden Propaganda aller beteiligten Seiten. Sich in diesem Gewirr ein wirklich objektives Bild zu verschaffen wird immer schwieriger. Konkrete Phänomene die diese Verwirrung belegen sind die vielen, momentan wieder massiv auftauchenden Verschwörungstheorien wie sie beispielsweise auf den Montagsmahnwachen eine Heimat haben.

Besonders schlimm ist neben diesen Verwirrungen ein paar armer Irrer aber der gesähte Hass, der einem wieder und wieder entgegenschlägt. Es scheint so, als könne man Putin nicht kritisieren ohne gleich ein Propagandist der „faschistischen Nato-Junta“ zu sein und sich so manche wüste Beschimpfung anhören zu müssen. Genauso wenig kann man in Diskussionen über den Nahostkonflikt das Selbstverteidigungsrecht Israels anführen, ohne angeblich gleich auf der Seite von „Kindermördern“ und „Zionazis“ oder gar im Soldbuch des Mossad zu stehen. Ebenso beschweren sich allerdings auch Vertreter der Gegenseite. Jeder, der die westliche Einflussnahme auf die Krise in der Ukraine kritisiere, würde sofort als „Putinversteher“ und „rechter Verschwörungstheoretiker“ gebrandmarkt, genauso wie Menschen die sich über die humanitäre Situation in Gaza besorgt zeigen, sich gleich als Antisemiten dargestellt fühlen.

Es ist jedoch immer der Ton der die Musik macht! Die genannten Konflikte, zu denen ich mich jetzt nicht im Detail äußern möchte, scheinen eine objektive Positionierung sehr schwierig zu machen. Nicht nur aufgrund der komplexen und auch teilweise undurchsichtigen Sachlage, sondern vor allem auch aufgrund des Ingroup-Outgroup-Dualismus, nach dessen Logik man sich auf je eine der beiden Seiten zu stellen habe. Diese Position, hat man sich einmal entschieden, wird dann häufig vehement, lautstark (!!!!!!11111elf) und oft auch mit mehr Beleidigungen als Argumenten verteidigt. Dies gilt leider für so manchen Beteiligten, egal ob er/sie proisraelisch, proukrainisch, propalästinensisch oder prorussisch argumentiert. Will man also wirklich konstruktive und zielführende Diskussionen führen, so sollte man von radikalen Positionen und von dem Denken in den Kategorien Gut/Böse oder Freund/Feind absehen.

Dies scheint allerdings mehr und mehr in Vergessenheit zu geraten, gerade in Zeiten des Internet. Man wird entweder zum „Antideutschen Zionisten“, zum „Putintroll“, zum „Ukra-Faschisten“ oder zum „Hamas-Propagandisten“ oder gleich zu einer Kombination mehrerer dieser Bezeichnungen erklärt, traut man sich, sich zu einem der Konfliktherde oder den beteiligten Parteien kritisch oder verteidigend zu äußern. Dabei wäre eine besonnene und herrschaftsfreie Form des Diskurses für alle direkt oder indirekt Beteiligten von weitaus größerem Nutzen, als es die momentane Spirale aus Wut und Hass ist, die sich in der öffentlichen Debatte aufzuschaukeln scheint. In dieser sollte das Hauptaugenmerk für jeden aufgeklärten Humanisten sein, dem Menschenhass entgegen- und für die Menschenrechte einzutreten. Antisemitismus darf in unserer Gesellschaft genausowenig geduldet werden wie der Hass auf Muslime, Russen, Ukrainer oder andere Ethnien, sowie die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung. Der Hass und Intoleranz darf, man könnte sage paradoxerweise, nicht toleriert werden, wenn wir nicht selbst zu einer Kultur des Hasses werden wollen in der verschiedene radikale Gruppen sich gegenseitig bekämpfen. Die Sabotage unserer pluralistischen Gesellschaft nämlich ist das Ziel eben dieser radikalen Gruppen.

Egal, welche Position man vertreten mag: Wer tatsächlich für den Frieden einstehen will muss sich auch zu einer friedlichen und sachlichen Diskussionskultur bekennen und sollte sich daher weder in radikale Positionen verrennen, noch darf er diese tolerieren. Dafür notwendig sind allerdings auch die Fähigkeit, sich differenziert mit einem Thema auseinander zu setzen und der Wille, dies auch zu tun. Denn einander hasserfüllte Parolen entgegen zu brüllen hat noch keinen Konflikt gelöst!

In diesem Sinne: Peace, Frieden, Shalom, pace, Salam, shanti, paix, baris!

© Sebastian Leist

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