Das Problem heißt Extremismus

von sebastianleist

Nachträgliche Anmerkung: Wenn in diesem Text von „Extremismus“ die Rede ist, dann ist damit nicht die Einteilung in „Links“ oder „Rechts“ gemeint, wobei die beiden Seiten des „Hufeisens“ die Extreme bilden, sondern eine fanatische Ideologie, die keine anderen Ansichten zu tolerieren bereit ist als die eigene und somit in ihrem Kern nicht demokratisch ist. Radikale politische Einstellungen, beispielsweise der Linksradikalismus sind also in meiner Definition keine extremistischen Positionen, insofern sie nicht mit extremen Methoden wie Mord und Körperverletzung ihre Ziele zu erreichen versuchen, sondern Teil des demokratischen Spektrums. Ebenfalls erwähnt werden sollte der „Extremismus der Mitte“, welcher wie ein Rechts- oder Linksextremismus antidemokratische Züge trägt.

Viele werden heute die traurige Nachricht von dem blutigen Anschlag auf die französische Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ gelesen oder gehört haben, bei dem 12 Mitarbeiter des Blattes brutal ermordet wurden. Zu aller Erst möchte ich den Hinterbliebenen und Freunden dieser Menschen mein Mitgefühl und meine Solidarität aussprechen. Dieser feige Angriff ist schärfstens zu verurteilen und muss selbstverständlich möglichst lückenlos aufgeklärt werden und die Täter ihrer gerechten Strafe zugeführt werden. Nicht nur ist es eine menschliche Tragödie, wenn 12 Menschen plötzlich gewaltsam aus dem Leben gerissen werden, es ist auch ein Schock für die freie Presse und ein Schlag gegen die Demokratie und die freie Gesellschaft.
Gerade in Zeiten, in denen in Frankreich der Front National, in Deutschland AFD und Pegida die Symptome eines Rechtsrucks der europäischen Gesellschaften darstellen, ist ein solcher Angriff besonders schädlich für das Klima innerhalb dieser Gesellschaften. Denn so wird nur der Hass auf den Islam befeuert, den viele bereits jetzt in ihren Herzen tragen. Und auch Angst wird geschürt. Es kann daher auch die Vermutung aufgestellt werden, dass der Zeitpunkt des Anschlags keinesfalls zufällig gewählt wurde. Denn es geht islamistischen Extremisten weder um die Verbreitung ihrer Religion, noch ist der Islamismus mit dem Islam gleichzusetzen. Viel mehr geht es um einen direkten Angriff auf westliche demokratische Grundwerte. Terrorismus hat immer nur einen Zweck: Angst und Schrecken zu verbreiten. Dies mit dem Ziel, die demokratische Gesellschaft zu destabilisieren und ihre Werte von Freiheit und Toleranz zu sabotieren. Dieses Motiv teilen sowohl islamistische Terroristen wie auch rechtsextreme Claqueure wie die Initiatoren von Pegida, die sich nun über unerwartete Schützenhilfe aus dem Lager des eigentlich erklärten Feindes freuen können.

Dieses abscheuliche Verbrechen wird nun in zynischster Weise instrumentalisiert werden und zu vermehrtem Hass auf unsere muslimischen Mitbürger führen. Und dies ist, so unterstelle ich, auch von den Attentätern gewollt. Denn je mehr sie extremistische Kräfte innerhalb unserer Gesellschaft stärken, je mehr sie unsere Werte einer offenen Gesellschaft in Frage stellen, desto näher sind sie ihrem Ziel: Dem offenen Konflikt. Eine pluralistische Gesellschaft ist das Grauen jedes Extremisten, denn der Extremist will keine bunten Farben, er will klare schwarz-weiß-Strukturen in denen er einen klaren Feind hat, den es zu bekämpfen gilt (Der Extremist ist übrigens nicht gleichzusetzen mit dem politisch Radikalen, welcher sich noch im demokratischen Spektrum bewegt). Für die islamistischen Terroristen ist dieser Feind die westliche Demokratie, aber auch  für die Islamhasser ist dieser Feind klar: Es ist der Islam. Und zwar der Islam in jeder Form, sie differenzieren nicht zwischen privat gelebter Religion und politischem Islamismus.

Gerade diese Differenzierung tut aber Not, denn ein Großteil der Muslime weltweit sind keineswegs mit Extremisten wie dem IS oder anderen terroristischen Organisationen einverstanden, leiden sogar am Meisten unter diesen (Die meisten Opfer des IS beispielsweise sind Muslime). Dennoch sind es diese Extremisten, die vorgeben im Sinne des Islam zu handeln und die damit die große Masse an friedlichen Muslimen einfach vereinnahmen um ihren politischen Zielen zu nützen.

Mit anderen Worten: Sie wollen, dass wir ihren Fanatismus für gleichbedeutend mit dem Islam halten, auch weil sie selbst das glauben. Natürlich gäbe es ohne den Islam keinen Islamismus und keinen daraus resultierenden Terrorismus, Islam ist aber nur die notwendige, nicht die hinreichende Bedingung für den islamistischen Extremismus. Das heißt: Islam ist nicht zwingend extrem. Wenn wir den Extremisten aber die Deutungshoheit darüber erlauben, was Islam sei, dann haben sie gewonnen und gerade die Islamophoben Europas bestärken mit ihrer undifferenzierten Haltung diese Position. Die angeblichen Verteidiger des Abendlandes machen sich somit paradoxerweise sogar zum Erfüllungsgehilfen der Feinde Europas. Daher dürfen wir, die Verteidiger einer toleranten, freiheitlichen, pluralistischen und demokratischen Grundordnung diesen Extremisten nicht das Feld überlassen.

Wir dürfen denen nicht glauben, die uns mit Angst und Gewalt zwingen wollen einander zu hassen und zu fürchten. Denn der Hass, der Konflikt und der Umsturz sind ihr Ziel. Wir Alle, vor Allem aber die Medien, dürfen uns nicht einschüchtern lassen. Sobald die Pressefreiheit in Gefahr ist, ist die Demokratie in Gefahr. Wir dürfen keine Zensur zulassen, weder durch staatliche Stellen, noch religiöse Fanatiker noch im eigenen Kopf. Während die Einen mit Begriffen wie „Lügenpresse“ und Verschwörungstheorien zu deren angeblicher Gleichschaltung das Vertrauen in die Medien zu untergraben versuchen, versuchen Andere mit blanker Gewalt Macht auf diese auszuüben. Diesen Versuchen darf nicht nachgegeben werden. Denn wenn sich die Medien einschüchtern lassen, dann siegt der Terror. Und Terror ist keine religiöse Tat, keine Pflicht des gläubigen Muslims, sondern eine politische Tat. Politische Extremisten auf allen Seiten haben nur eines im Sinne: Uns ihren Diskurs und ihre Weltsicht aufzuzwingen. Sie wollen uns in einen Konflikt treiben durch den wir nur verlieren und sie nur gewinnen können!

Das Problem heißt also nicht Religion, das Problem heißt Extremismus. Und diesem gilt es geschlossen entgegen zu stehen! Lasst uns also genau das Gegenteil von dem tun, was diese Leute von uns erwarten: Lasst uns aufeinander zugehen anstatt im Anderen den Feind zu sehen. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und sagen: Wir haben keine Angst, wir glauben euch nicht, wir sind Atheisten, Christen, Muslime, Juden, Buddhisten, Hindus und Andersgläubige, die gemeinsam in Frieden miteinander leben wollen. Wir werden eurem Terror nicht nachgeben! Wir werden nicht zum Instrument eures Hasses werden! Für eine solidarische und bunte Gesellschaft! Jetzt erst recht!

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