Denkanfallkuppel

Philosophie, Politik und Weltgeschehen. Wenn mich jemand sucht: Ich bin in meiner Denkanfallkuppel!

Denkanfälle der Woche KW 14 2014

by sebastianleist

Herzlich Willkommen zu unserer wöchentlichen Linkschau, den Denkanfällen der Kalenderwoche 14! Dieses Mal mit attraktiven Bäuchen, der versalzenen Suppe (oder anderen Speisen 😉 ), warum wir uns ernsthaft Sorgen über Google machen sollten und einer amüsanten Sammlung von logischen Fehlschlüssen.

Der gute alte Bierbauch: Kaum einer unserer männlichen Artgenossen hat ihn nicht, jeder kennt ihn und so mancher würde ihn gerne wieder los werden. Aber dass er auch attraktiv sein kann und warum er das vielleicht sogar mehr ist als man vermuten würde, dem hat sich die Zeit in einem Artikel gewidmet. Also: Keine Scham! Ein Mann ohne Bauch ist ein Krüppel! (Die Invaliden mögen uns diesen Ausspruch verzeihen)

Natürlich kommt ein Bauch nicht immer vom Bier, zumindest meist nicht nur von diesem. Oft liegt es natürlich auch an der Ernährung. Und mit dem Thema Ernährung hat sich eine beispiellose Studie beschäftigt, die besonders die Versorgung des menschlichen Körpers mit Salz in den Fokus genommen hat. Denn über die Gesundheit von Salz in der Nahrung wird seit langer Zeit kontrovers diskutiert. Nicht nur in Bezug auf die Gesundheit ist dieser Artikel interessant, auch zum Thema Wissenschaft und Experiment enthält er durchaus lesenswerte Informationen.

Lesenswert ist ebenso ein Beitrag in der FAZ. Darin geht es um die Firma Google, die sich mehr und mehr zum Internetmonopolisten entwickelt. Längst nämlich ist sie nicht nur noch als Suchmaschine bekannt und aktiv, sondern erweitert ihren Machtbereich kontinuierlich auch auf Betriebssysteme wie Android, Browser wie Chrome, Mailingclients etc. Dass soviel Macht an einer Stelle konzentriert problematisch ist, liegt auf der Hand. Und ein Missbrauch dieser Macht findet wohl bereits statt. Also: Immer im Auge behalten!

Wer sich, im Bezug auf Fragen der Überwachung, auf Politik im Allgemeinen und gesellschaftliche Frage im Besonderen (eigentlich in jedem Lebensbereich), des Öfteren mit Trollen und Diskussionspartnern auseinandersetzen muss, deren Argumentation einem irgendwie verquer oder unsinnig erscheint, man aber nicht den Finger darauf legen kann woran das konkret liegt, der bekommt mit dieser Sammlung logischer Fehlschlüsse ein probates Mittel zur Hand, um ihnen die Fehler ihrer Argumentation aufzuzeigen. Sehr praktisch für professionelle Klugscheißer.

Soviel dazu und noch eine angenehme Restwoche! Oder, weil wir ja diese Woche spät dran sind: Ein tolles Wochenende!

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Selbstliebe, Eigenliebe und Mitleid bei Rousseau

by sebastianleist

Wenn ich verplichtet bin, meinem Mitmenschen kein Leid zuzufügen, so scheint dies in der Tat weniger deshalb so zu sein, weil er ein rein vernünftiges als deshalb, weil er ein empfindendes Wesen ist: Eine Eigenschaft, die, da sie dem Tier und dem Menschen gemeinsam ist, dem einen zumindest das Recht verschaffen muss, vom anderen nicht unnütz mißhandelt zu werden.

– Rousseau, Jean-Jaques: Diskurs über die Ungleichheit. S.57

Das Mitgefühl mit anderen empfindenden Wesen geht für Rousseau der Vernunft voraus. Es ist neben dem Selbsterhaltungstrieb die zweite natürliche Fähigkeit, die der Mensch besitzt, noch bevor er sich selbst als solchen erkennt. Es ist also keinesfalls so, wenn man Rousseau folgt, dass der Mensch von seiner Natur her ein agressives und gewalttätiges Wesen besitzt, wie es beispielsweise Hobbes annahm. Der Mensch ist seinem Mitmenschen kein Wolf, und wenn, dann nicht aufgrund seiner Natur, sondern nur weil es die Umstände nötig machen. Ob diese Umstände nun natürlicher oder gesellschaftlicher Ursache entspringen, immer ist es ein großes Unglück und eine vorhergehende Notsituation, die den Menschen dazu bringt, Böses zu tun. Der „natürliche Mensch“, der Mensch dessen Versorgung nur von ihm selbst abhängt und der ohne fremde Hilfe zu überleben imstande ist, hat keinen Grund seinem Mitmenschen (oder auch anderen empfindsamen Wesen) Schaden zuzufügen. So sprach sich Rousseau auch für eine fleischlose Ernährung aus und folgt dabei dem Gedanken Plutarchs, den dieser in seiner Schrift „Über das Fleischessen“ formuliert hat.

Ein Mensch dessen Überleben nicht bedroht ist, hat kein Interesse am Schaden anderer. Denn er hätte keinerlei Vorteil davon. Viel eher würde die natürliche Abscheu vor dem Leid ihn abstoßen und dazu bringen ihr zu entfliehen. Erst die Bedrohung der eigenen Existenz also treibt den Menschen zur Gewalt. Dies wiederum liegt in der ersten natürlichen Eigenschaft des Menschen begründet, die Rousseau erwähnt: Dem Selbsterhaltungstrieb, oder wie er es nennt: Der „Selbstliebe“. Diese stellt die Liebe zur eigenen Existenz dar, sie ist eine natürliche und damit für Rousseau auch eine gute Eigenschaft und nicht mit dem zu verwechseln was man allgemein unter dem Begriff „Egoismus“ versteht. Viel mehr ist die Selbstliebe die Grundeigenschaft die es uns erst ermöglicht auch andere zu lieben. Nur die Liebe zu uns selbst macht uns auch unsere Mitmenschen kostbar. Denn, so schreibt Rousseau:

Wir suchen, was uns dienlich ist; wir lieben, was uns liebt. Wir fliehen, was uns schädlich ist; wir hassen, was uns schaden will.

– Rousseau, Jean-Jaques: Emil oder über die Erziehung. S.212

Diejenigen welche wir lieben sind also zu Beginn des Lebens die Eltern oder Ammen und Kindermädchen, Geschwister, etcetera. In jedem Falle aber die Menschen auf die wir in unseren ersten Jahren angewiesen sind. Der Mensch ist also nur aufgrund seiner Selbstliebe und der Schwäche die ihm das Kindesalter beschert, überhaupt zur Liebe fähig. Die Liebe zu sich selbst weitet sich somit auf den Kreis der Personen und Dinge aus, die für sein Überleben notwendig sind und ihn darin unterstützen. Nur die Schwäche also macht den Menschen gesellig. Allerdings ist es eben auch diese Schwäche, welche zu der besagten Bosheit und zum „Kriege aller gegen alle“ führt. Denn schnell kann die Selbstliebe in die schädliche Form der Egozentrierung wechseln. Diese nennt Rousseau die „Eigenliebe“. Sie ist nämlich im Gegensatz zur Selbstliebe nicht mehr nur auf die eigene Existenz gerichtet, sondern hängt von der Gesellschaft ab, dem persönlichen Umfeld und dessen Urteil. Sie äußert sich durch das Geliebt-werden-wollen, in der unrealistischen Annahme, die Anderen müssten einen ebenso sehr lieben, wie man das selbst tut. Eine Forderung, die natürlich unerfüllbar bleiben muss, da die Anderen ja ebenfalls sich selbst den Vorzug geben. Folgen dieser Egozentrierung die nur auf dem Vergleich zu der Gesellschaft beruht und die niemals befriedigt werden kann, sind Stolz, Selbstverliebtheit und Egoismus. Diese Eigenschaften, da sie in der Gesellschaft in jedem Individuum aufkeimen, weiten sich nun auf die gesamte Gesellschaft aus, es entstehen Phänomene wie Neid, Mißgunst und Hass.

Da jeder bevorzugt werden möchte, gibt es bald Unzufriedene. Mit der Liebe und der Freundschaft entstehen Mißhelligkeiten, Feindschaft und Haß. Auf so vielen unterschiedlichen Leidenschaften baut die Meinung der Menge ihren unerschütterlichen Thron, und törichte Menschen, die sich seiner Herrschaft unterwerfen, gründen ihr Leben auf die Urteile anderer. Denkt man diesen Gedanken weiter, so sieht man, woher unsere Eigenliebe die Gestalt nimmt, die wir für die natürliche hielten; und ferner, wie die Selbstliebe, wenn sie aufhört, ein absolutes Gefühl zu sein, in großen Seelen zu Stolz, in kleinen zur Eitelkeit wird, sich aber bei allen auf Kosten des Nächsten nährt.

– Rousseau, Jean-Jaques: Emil oder über die Erziehung. S.214

Das „Böse“ also, sofern es nicht aus der Notwendigkeit erwächst sich selbst am Leben zu erhalten, entspringt nicht der Natur des Menschen sondern aus der Gesellschaft. Die Eigenliebe, das Geltungsbedürfnis vor den Anderen ist es, was den Menschen zum ewigen Kampfe gegeneinander antreibt, selbst wenn es nicht um das Überleben geht. Alles Leid der Menschen stammt also ursächlich vom Menschen selbst, nicht von der Natur und auch nicht „weil das Leben kein Ponyhof“ ist, wie man so oft hört. Es ist die menschliche Sucht nach Anerkennung, die Abhängigkeit von dem Urteil der Allgemeinheit, der man ja nicht mehr entfliehen kann, da der Mensch den Naturzustand seit Langem verlassen und sich durch Arbeitsteilung und Landbesitz mehr und mehr aneinander gebunden hat. Diese Eigenliebe, die der natürlichen Selbstliebe entstammt welche durch die Gesellschaft quasi pervertiert wird, erstickt wiederum das natürliche Mitgefühl. Ein Auswuchs dieser Entwicklung ist laut Rousseau auch die auf Vernunft beruhende Moralphilosophie. Denn diese dient seiner Ansicht nach weniger dem Anliegen den Menschen zu verbessern, sondern seine Übeltaten abzusegnen, sie als notwendig oder gerechtfertigt darzustellen. Der Einzelne ist zwar immer noch für seine Taten verantwortlich, das Übel der Menschheit aber erwächst aus den gesellschaftlichen Zwängen und die soziale Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Kriminalität sind Folgen davon. Ebenso Gewalt, Krieg und Völkermord. Dies gilt in Zeiten der Globalisierung sogar ganz besonders.

Glücklich sind die Völker, in denen man ohne Opfer gut und ohne Tugend gerecht sein kann! Wenn es auf der Welt einen Jammerstaat gibt, wo niemand leben kann, ohne Übles zu tun, und wo der Bürger aus Not zum Gauner wird, dann dürfte dort nicht der Übeltäter gehenkt werden, sondern der, der ihn dazu zwingt.
– Rousseau, Jean-Jaques: Emil oder über die Erziehung. S.191

Tugend, die künstliche und von den Moralphilosophen diktierte Form der Moral ist nichts weiter als eine Form der Machtausübung und bestenfalls Makulatur, sie zementiert die Ungerechtigkeit nur und trägt nichts zu deren Auflösung bei. Die Ursache des Bösen ist eine Entfernung von der menschlichen Natur, ein Zustand der Depravation. Das natürliche Mitleid wurde mehr und mehr verdrängt, teils absichtlich von den Herrschenden unterdrückt, indem man die Menschen gegeneinander aufhetzte, teils auch von den Philosophen durch das Zurechtlegen von Argumenten. Unter dem Fenster eines dieser Philosophen könne man sogar einen Menschen ermorden, dieser würde sich dann lediglich die Ohren zu halten und ein paar Argumente finden um nicht helfen zu müssen, meint Rousseau. Ob man ihm in dieser Radikalität wirklich folgen muss, bleibt einem jedem selbst überlassen. Was er allerdings damit sagen will ist klar: Die Moral kann nicht auf das Mitleid verzichten, denn sonst ist sie ein reines Gedankenspiel. Ohne die Fähigkeit sich an die Stelle des Anderen zu setzen, ist jegliche Einsicht in die tatsächliche Verpflichtung sich an die moralischen Grundregeln zu halten undenkbar. Selbst die goldene Regel, das Gebot jeden zu behandeln wie man auch von ihm behandelt werden will, muss auf der Empathie beruhen, auf der Fähigkeit, sich in den Anderen hinein zu versetzen.

„Die aus der Selbstliebe abgeleitete Menschenliebe ist die Grundlage der menschlichen Gerechtigkeit.“

– Rousseau, Jean-Jaques: Emil oder über die Erziehung. (S.239)

Es braucht also grundsätzlich die Fähigkeit des Mitleids um den Menschen „Zum Guten“ zurück zu führen. Dazu aber muss der Mensch wieder bereit sein, sich dem Gefühl des Mitleids zu stellen und er muss befreit werden von äußeren Zwängen, die ihn in ständige Konkurrenz mit seinen Mitmenschen bringen. Denn Konkurrenz ist für Rousseau nichts Positives, kein Antrieb zum Wohle der Gemeinschaft, keine Tugend, wie es beispielsweise die heutige Leistungsgesellschaft darstellt. Der Mensch sollte nur sich selbst zum Rivalen haben. Dies bedeutet, er soll sich nicht an den Anderen messen, sondern nur den eigenen Fortschritt sehen. So wird der Mensch in seiner Selbstliebe bestärkt und nicht in seiner Eigenliebe. Er wird damit mehr und mehr fähig, sein Glück auch nur in sich selbst zu finden. Und mit dieser Entwicklung wird er auch immer weniger abhängig von dem Urteil der Gesellschaft. Ohne den Geltungsdrang erstarkt auch wieder sein natürliches Mitleid. Man kann diese Entwicklung als einen Engelskreis bezeichnen, denn das Mitleid kann auch eine große Quelle des Glücks sein. Denn es ist wie Rousseau sagt, „süß“:

Da wir allen Übeln des Lebens unterworfen sind, und jeder dem anderen nur soviel Mitleid zuwendet, wie er gerade für sich selber nicht braucht, muß das Mitleid ein süßes Gefühl sein. Es legt Zeugnis von unserem Glück ab und beweißt zugleich, daß ein harter Mensch auch immer unglücklich ist, weil sein Herz keinen Überschuß an Gefühl für die Leiden anderer übrigläßt.

Rousseau, Jean-Jaques: Emil oder über die Erziehung. S. 232

Wichtig ist also, dieses Gefühl wieder zu entdecken, zu kultivieren und den Menschen mehr auf seine bereits vorhandenen Qualitäten zurück zu führen. Dazu gehört das Entwickeln von Selbstgenügsamkeit und die Abkehr von eingebildeten Notwendigkeiten für das persönliche Glück sowie die Auflösung von Abhängigkeit von der Gesellschaft. Gerade in Bezug auf die moderne Konsumgesellschaft, die zu vermehrten globalen Verstrickungen führt, den Menschen immer stärker von Geschehnissen abhängig macht auf die er allenfalls indirekt, wenn nicht gar überhaupt keinen Einfluss hat und ihn somit völlig von sich selbst enfremdet, ist dieser Gedanke besonders interessant. Anstelle von mehr und mehr unbefriedigendem Konsum, welcher zu Neid, Ausbeutung und anderen negativen Konsequenzen für die Menschheit führt, und der früher oder später einen Zusammenbruch der modernen Gesellschaft führen wird, sollte man sich vielleicht wieder mehr mit sich selbst, seinen eigenen Qualitäten und dem Mitgefühl mit seinen Mitmenschen befassen. Ein Gedanke, mit dem Rousseau keinesfalls alleine ist. Ähnliches lehrt beispielsweise auch der Buddhismus.

 

Quellen:

Rousseau, Jean-Jaques: Diskurs über die Ungleichheit. Paderborn 2001.
Rousseau, Jean-Jaques: Emil oder über die Erziehung. Paderborn 1998.

© Sebastian Leist

 

Denkanfälle der Woche KW 12 2014

by sebastianleist

Herzlich Willkommen zu unserer wöchentlichen Linkschau, den Denkanfällen der Kalenderwoche 12! Heute mit dabei: Wie Facebook unglücklich machen kann, Was es bedeutet ein Freigeist zu sein, Warum die Gesellschaft zusammenbricht und einem lustigen Zeitvertreib für Prokrastinanten.

Eine neue Studie hat herausgefunden, dass Emotionen die wir über Facebook kund tun, sich viel stärker auf die Stimmung der anderen Nutzer auswirken als bisher angenommen. Wir sollten also vorsichtig sein was wir verbreiten, vielleicht sollte man sich auch auf positive Gedanken beschränken. Denn ihr wisst ja: Wie man in den Wald hinein….
Ach, außerdem macht das Internet süchtig. (Als ob das was Neues wäre 😉

Dies liegt auch an so manchen tollen und lesenswerten Seiten und Blogs, von denen wir einen unbedingt empfehlen wollen. In seinem „Freigeist Blog“, genauer gesagt in einem Manifest zum Thema Freigeist beleuchtet Heinz Sauren, was es bedeutet, ein solcher zu sein. Es enthält viele interessante Gedanken philosophischer und gesellschaftskritischer Natur.

Und zum Thema Gesellschaftskritik haben wir auch noch einen Beitrag. Viele werden vielleicht schon von der Studie gelesen haben, die wohl auch mit NASA – Mitteln finanziert wurde und den nahenden Zusammenbruch unserer Gesellschaft und Zivilisation prophezeiht. Spätestens seit dem Club of Rome eine häufig wiederkehrende Prophezeihung, was sie nicht weniger beachtenswert macht.

Und für alle, die es bereits aufgegeben haben und sich einfach nur zurück lehnen und ablenken lassen wollen: Ein lustiges Spiel für kurzweilige Prokrastination. Have Fun!

Danke fürs Lesen, Euch allen einen guten Start in die nächste Woche!

Kant als Befürworter der Todesstrafe

by janstraube

Immanuel Kant. Einer von den berühmtesten Philosophen, und in Deutschland der vermutlich meistrezipierte. Sein Hauptwerk, die Kritik der reinen Vernunft, stellte die Philosophie seiner Zeit auf den Kopf. Doch nicht nur in der theoretischen Philosophie, sondern auch im Bereich des Praktischen hat Kant große Wirkung ausgeübt. Es geht hier um die Ethik, die Frage nach dem guten Handeln – und trotz der hohen Anerkennung, und überhaupt erst theoretischen Grundlegung des Personenstatus, des Menschen als freien Wesens, hat Kant die Todesstrafe befürwortet. Ja, Kant war ein Vertreter der Auffassung, dass gewisse Straftaten mit dem Tod des Täters zu bestrafen sind – aus Wiedervergeltung.

Kant bezieht sich explizit auf Cesare de Beccaria, der zu Kants Lebzeiten gegen die Todesstrafe argumentiert hat. Und Kant wirft ihm vor, falsch zu argumentieren. “Alles Sophisterei und Rechtsverdrehung”, so Kant. Doch wie argumentiert Beccaria?

Beccaria argumentiert über zwei Themenbereiche: einerseits über die abschreckende Wirkung der Todesstrafe, andererseits über die Gerechtigkeit im Sinne eines Gesellschaftsvertrages. Ein Argument in Bezug auf die abschreckende Wirkung, die die Todesstrafe laut Verfechtern dieser haben soll, geht in etwa so:

Wenn die Todesstrafe eine abschreckende Wirkung haben soll, dann muss sie häufig und nahe aufeinander folgend vollstreckt werden, denn kurze und heftige Ereignisse – wie die öffentliche Tötung eines Verbrechers – haben eine schwache Wirkung auf das menschliche Gemüt, da sie keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Also: Die Bevölkerung soll ja von der Todesstrafe abgeschreckt werden und keine Verbrechen begehen, aus Angst vor der Todesstrafe. Damit das aber funktioniert müsse, so Beccaria, sehr oft die Todesstrafe vollstreckt werden, damit sie im Bewusstsein der Bevölkerung bleibt. Also müssten im Umkehrschluss häufig Verbrechen begangen werden, die mit der Todesstrafe bestraft werden. Aber das kann doch nicht der Wunsch des Gesetzgebers sein! Demnach kann von einer abschreckenden Wirkung der Todesstrafe keine sinnvolle Rede sein.

Eine andere Argumentation Beccarias geht über den Gesellschaftsvertrag. Der Gesellschaftsvertrag ist eine der liebsten Beschäftigungen von politischen Philosophen, und ist letztlich nicht mehr als ein Gedankenexperiment. Der Tenor aller Gesellschaftsvertragstheorien besteht in einer Übereinkunft der Bürger über die Gesetze, nach denen das gesellschaftliche Leben geregelt werden soll. Nach Beccaria müsste in einem solchen theoretischen Gesellschaftsvertrag jedes Gesetz auf den abgetretenen Rechten der Bürger beruhen. Wenn also die Todesstrafe auf diesem Hintergrund gerecht sein soll, dann müsste der einzelne Bürger zuallererst ein Recht haben, zu töten  – und zwar sich selbst. Vielleicht denken wir heute anders darüber, vielleicht auch nicht, fest steht jedoch: für Beccaria konnte der einzelne Bürger kein Recht haben, sich selbst zu töten. Also könnte er dieses Recht auch nicht auf einen Anderen übertragen. Demnach kann der Staat keine Tötung gesetzlich verordnen. Die Todesstrafe ist staatstheoretisch nicht zu halten.

Was entgegnet nun Kant? Zunächst einmal kann für Kant eine Strafe keinen anderen Zweck haben, als dass dem Straftäter ein Schmerz zugefügt wird. Die abschreckende Wirkung, die Beccaria der Todesstrafe abspricht, ist für Kant überhaupt nicht relevant, da sie in seinen Augen ein sekundäres Ziel ist. Und das kann mit einer Strafe nicht bezweckt werden: es darf nur darum gehen, den Täter zu bestrafen, alles andere ist nicht zulässig.

Doch auch zum Gesellschaftsvertrag äußert sich Kant, hier greift er Beccaria direkt an. So könne Strafe nach Kant nicht auf dem Gesellschaftsvertrag beruhen, denn ein Täter, der im Gesellschaftsvertrag versprochen hat, sich bei Begehen einer Straftat strafen zu lassen, wäre – rein theoretisch – sein eigener Richter. Denn, wenn alle Bürger einen Konsensbilden, dann sind auch die Straftäter mit eingeschlossen, und haben auch ein Wort mitzureden. Und es liegt auf der Hand, dass diese Personengruppe sich eher für milde Strafen aussprechen würde – sie würden ihr eigenes Strafmaß bemessen. Das kann nach Kant nicht rechtens sein, denn durch Strafe wird ein Täter zu etwas gezwungen, das er nicht will.

Doch Kant differenziert den Menschen in den – das habt ihr vielleicht schon gehört – “Bürger zweier Welten”. Als Teilnehmender im Gedankenexperiment Gesellschaftsvertrag ist der Mensch “homo noumenon” also rein vernünftig und dadurch gesetzgebende Kraft. Als Verbrecher jedoch ist der Mensch “homo phaenomenon”, quasi der sittlich verdorbene Teil – der Teil des Menschen, der eines Verbrechens fähig ist. Da nun der Mensch in diese zwei Personen eingeteilt wird, könne der Verbrecher eben doch kein Wort bei der Gesetzgebung, und folglich auch nicht bei der Beurteilung seiner Straftat, haben. Die Person, die Rechte abtritt, ist Bürger einer anderen Welt als die Person, die eine Straftat begeht.

Doch trifft das Beccarias Argumentation zum Gesellschaftsvertrag überhaupt? Beccaria spricht nicht davon, dass der Mensch zum Zeitpunkt der theoretischen Gesetzgebung auch bei einer später eventuell begangenen Straftat einwilligen muss, sich strafen zu lassen, und überhaupt ist doch in diesem Gedankenexperiment die Gesetzgebung vor jeglicher begangener Straftat überhaupt anzusiedeln. Was Kant mit seinem Bürger zweier Welten veranstaltet trifft meiner Meinung nach nicht Beccarias Argumentation, entkräftet sie somit auch nicht.

Wie bereits erwähnt, Kant ist Befürworter der Todesstrafe gewesen – doch auf welchem Hintergrund? Hier wird es reichlich abenteuerlich. Denn Kant sagt zwar, dass das “ius talionis”, in etwa das Wiedervergeltungsrecht, Grundlage von Strafe überhaupt sein solle. Doch er gibt keinen einzigen Grund für dieses Prinzip an. Und weiter, er bringt auch kein Argument pro Todesstrafe hervor. Kant ist halt einfach dafür – warum, das kann er nicht sagen, und ich Euch auch nicht.

— Dies ist die Wiedergabe einer Studienarbeit, die ich zur Erlangung des Bachelorgrades abgegeben habe. Ihr findet die ganze Arbeit hier: Studienarbeit Kant Beccaria – Jan Straube —

Extremismus, Rechtspopulismus, Reaktionäre und Gutmenschentum

by sebastianleist

Sarrazins neues Buch „Der neue Tugendterror“, die heftig kritisierte Rede der Büchner-Preisträgerin Lewitscharoff, eine Petition gegen den Bildungsplan Baden-Württemberg 2015 und vermehrte Angriffe auf Asylantenheime und Immigranten:

Was haben all diese Ereignisse gemeinsam? Gut, direkt vielleicht nichts, aber in ihrer Summe zeigen sie eine beunruhigende Tendenz, die dem aufmerksamen und politisch interessierten Bürger nicht verborgen geblieben sein kann. Eine Tendenz, die es wahrscheinlich schon länger gibt, die sich nun aber mehr und mehr manifestiert und langsam auch immer deutlicher in der Öffentlichkeit präsent wird. Hatte man vor einigen Jahren die Äußerungen Eva Hermanns bei Johannes B. Kerner noch als Entgleisungen einer geistigen Tieffliegerin abtun können, so ist spätestens seit dem Erscheinen von Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“  und den darauf folgenden Reaktionen („Das wird man doch wohl noch sagen dürfen), klar wohin die Reise geht.

Sie geht rückwärts. Zurück zu Zeiten, die wir doch eigentlich gehofft hatten überwunden zu haben. Zeiten in denen unsere Eltern gegen die Altnazis aufbegehrten, die damals noch ihre Eltern oder Großeltern, Lehrer und Polizisten waren, Zeiten in denen es noch strafbar war offen homosexuell zu sein, in denen man den Wehrdienst nur verweigern konnte, wenn man sich vor einer Komission als absoluter Feigling darstellte, in denen der politische Mainstream derartig konservativ war, dass man es für nötig hielt einen sogenannten „Radikalenerlass“ gegen das langhaarige linke Gesocks ins Feld zu führen. Es geht zurück zu Zeiten, die sich kein vernünftiger Mensch zurück wünschen kann.

Zurück zu Zeiten sogar, in denen Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder Religionszugehörigkeit diskriminiert wurden, in denen dies nicht nur geduldet war, sondern zum guten Ton gehörte. Nur, dass man heute nicht mehr die Juden für alles verantwortlich machen darf, natürlich nur aufgrund der „political correctness“, gegen die sich Herren wie Sarrazin und auch radikalere Stellen ja ständig zu wehren scheinen müssen. Die Juden als Feindbild sind sowieso längst vom bärtigen Muselmann abgelöst worden, der alles daran setzt in unserem schönen Deutschland die Sharia einzuführen und sonst nur für den Obst- und Gemüsehandel relevant ist. Spätestens seit den NSU – Morden allerdings sollten wir bei solcherlei Aussagen mehr als hellhörig werden.

Denn es ist kein Ausdruck von „links-grüner Meinungsdiktatur“ wenn man sich gegen derartige Strömungen positioniert, es ist vielmehr der gesunde Menschenverstand, der dies fordert. Die Entwicklungen hin zu einer multikulturellen und pluralistischen Gesellschaft und auch die Akzeptanz von Vielfalt, sei diese religiöser, sexueller oder kultureller Natur, sowie die allgemeine Verschriftlichung der Menschenrechte, ist nicht nur eine konsequente Reaktion auf die Folgen des Gegenteils gewesen, der Nazi-Diktatur und ihrem Nationalismus, sondern auch die einzig angemessene Antwort auf die Herausforderungen der Gegenwart. Globalisierung, demografischer Wandel und der technologische Fortschritt mit all seinen Konsequenzen kann nicht durch einen sozialen und mentalen Rückschritt bewältigt werden.

Festmachen lässt sich diese Entwicklung neben den genannten populistischen Veröffentlichungen und Äußerungen auch an aktuellen politischen Entwicklungen. So ist beispielsweise rechts der CDU nun eine weitere Partei in der deutschen Parteienlandschaft aufgetaucht, die deutlich macht, dass offen rechtspopulisitsche und auch christlich-fundamentalistische Haltungen nicht länger eine Randerscheinung darstellen.

Denn es ist eben nicht der „linke“ Mainstream (der, wenn man das letzte Wahlergebis betrachtet, ja faktisch gar nicht existiert) der die Meinungsfreiheit in unserem Land bedroht, wie es so mancher darstellt, sondern es sind viel mehr die rektionären Tendenzen die von einer ganzen Sippe an Populisten lautstark verbreitet werden und die behaupten, von den linksliberalen Medien unterdrückt zu werden, selber aber verhindern wollen, dass ihre Kinder in der Schule über verschiedene Lebensmodelle aufgeklärt werden. Meinungsfreiheit bedeutet nämlich nicht, dass man sagen kann was man will ohne dafür offen kritisiert zu werden. Meinungsfreiheit bedeutet nur, dass man es darf ohne rechtliche Konsequenzen fürchten zu müssen! Das perfide an der Argumentation von Sarrazin und Konsorten: Sie versucht selbst die Meinungsfreiheit einzuschränken. Die Meinungsfreiheit beispielsweise, Thilo Sarrazin einen Rassisten nennen zu düfen oder christliche Traditionen auch in der Schule in Frage zu stellen.

Woher kommt diese Entwicklung? Wovon fühlen sich diejenigen bedroht die in meist aggressiver Manier gegen Schwule, Muslime, Sinti und Roma, Linke und Umweltschützer, Veganer und Feminist/Innen, etc., hetzen und diesen oftmals das Etikett „Gutmensch“ anhängen?
Zugegeben: Ich mische hier viele Strömungen zusammen, sowohl auf „rechter“ als auch auf „linker“ Seite. Jedoch ist dies eben auch genau das Vorgehen derjenigen, die ich hier kritisiere. Denn genau in dieser Vielfalt der Meinungen und Strömungen liegt möglicherweise die Ursache für die reaktionären Bestrebungen der Wertkonservativen.

Die Welt wird immer komplizierter, schnelllebiger, für viele auch bedrohlicher. Wahr ist: Wir stehen vor gewaltigen Aufgaben und Herausforderungen. Wahr ist auch, dass es innerhalb des Spektrums linker und grüner Gesinnung viele Positionen gibt, die nicht jeder teilen muss und die manchmal auch ein wenig aggressiv unter das Volk gebracht werden. Jeder, der mal mit einem radikalen Veganer oder einem linken Anarchisten diskutiert hat, weiß das. Auch gibt es sicherlich radikale Islamisten, die man durchaus kritisieren und beobachten muss und die genauso wie gewaltbereite Rechts- oder Linksextremisten nicht verharmlost werden sollten. All dies soll hier gar nicht verneint oder verleugnet werden. Was jedoch ist der richtige Umgang mit diesen Phänomenen?

Für die Reaktionäre, Rechtspopulisten und religiösen Fundamentalisten ist es der Rückzug in ihr Schneckenhaus, die Abschottung. Ob sie nun als Rückkehr zur D-Mark, der Bewahrung der traditionellen Famile, der Ablehnung von Zuwanderung oder der Besinnung auf nationalistische oder christliche Werte besteht, die Ursache ist immer eine Angstreaktion, eine Reaktion auf die Überforderung durch eine immer komplexere und  undurchschaubare Welt. Die Besinnung auf bewährte Werte ist daher nur verständlich. Ist sie aber eine Lösung? Wohl kaum.

Denn die Welt dreht sich weiter und die internationalen Verstrickungen nehmen eher zu als ab. Dies gilt sowohl in Bezug auf wirtschaftliche Entwicklung als auch auf soziale. Denn mehr und mehr Menschen sind vernetzt miteinander, tauschen sich aus, bekommen Einblick in die Lebenswelt der Anderen. Wir können uns einfach nicht mehr auf unsere Insel zurückziehen und den Rest der Welt sich selbst überlassen und glauben, diese gehe uns nichts an. Diese Haltung ist einfach naiv und vor allem erstickt sie eine der wichtigsten menschlichen Eigenschaften: Die Empathie. Denn wenn wir uns dem Fremden verschließen, den Anderen wegdrängen, uns nicht mit ihm identifizieren wollen, wird unser natürliches Mitgefühl unterdrückt.

Was wir also brauchen ist mehr Pluralismus und mehr „links-grüne“ Politik. Der große und entscheidende Unterschied zwischen dem konservativen und dem linken Lager ist nämlich folgender: Während die Konservativen ihren Fokus verengen, sich auf diejenigen konzentrieren die ihnen nah sind, ihre Werte und Denkweisen teilen, haben die Linken das Ganze im Sinne, stehen für eine Welt in der wir als Menschheit alle gemeinsam an der allgemeinen Wohlfahrt arbeiten und alle die gleichen Rechte haben, wie beispielsweise frei von Diskriminierung, Ausbeutung und Unterdrückung zu leben.

Was wir brauchen ist eine Fortsetzung der Aufklärung, keinen Rückschritt in das Denken des christlich – fundamentalistischen Mittelalters oder der Zeit nationalistischer Diktaturen. Wir müssen beginnen uns miteinander zu solidarisieren, als fühlende Wesen, als gleichberechtigte Bewohner dieses Planeten und einander mit Respekt und Vertrauen zu begegnen, anstatt weiter die Angst voreinander und damit Fremdenfeindlichkeit, Misstrauen und weitere Vorurteile zu sähen. Wir müssen – als eine Erweiterung der christlichen Nächstenliebe – das entwickeln, was Nietzsche die „Fernstenliebe“ genannt hat. Dies bedeutet aber, seinen Kokon zu verlassen und bereit zu sein, sich auch mit dem Fremden zu identifizieren. Denn nur gemeinsam haben wir als Menschheit eine Chance die Herausforderungen zu meistern, die dieses Jahrhundert für uns bereit hält.
Ich persönlich werde mich also weiter für Menschenrechte, Toleranz, Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit einsetzen und lasse mich dafür gerne als Gutmensch beschimpfen.

© Sebastian Leist

Denkanfälle der Woche – KW 11 2014

by janstraube

Herzlich Willkommen zu unserer wöchentlichen Linkschau, den Denkanfällen der Kalenderwoche 11! Heute mit dabei: 25 Jahre Internet, First Kiss und Gott.

Das Internet ist 25 Jahre alt geworden. Zeit für einen Rückblick, den die Zeit uns gibt, auf die Designs der Meilensteine in den letzten 25 Jahren unserer digitalen Existenz. A propos digitale Existenz: The Verge, eine sehr gute Seite für Nachrichten aus der Welt der Technik, führte ein Interview (engl.) mit Dana Boyd, die bei Microsoft für Social Media und Trends darin zuständig ist. Sehr feine Thesen. Und im Rahmen der Aufklärung möchten wir Euch noch die besten Shortcuts für Euer tägliches Webdasein liefern, die sehr hilfreich sein können.

Ihr habt wahrscheinlich alle das Video „First Kiss“ gesehen. Es wird so dargestellt, als ob sich 20 Fremde zum ersten Mal treffen – und sich dann küssen sollen. Zum jetzigen Zeitpunkt hat es 55 Mio. Aufrufe. Martin von den Blogrebellen liefert uns die wahre Geschichte hinter dem Video, und auch einen kleinen Medienspiegel. Fazit: Erschreckend, wie unreflektiert die Portale solche viralen Dinge aufgreifen und die Nutzer sich freiwillig zu Werbeträgern machen lassen.

Zum Abschluss dann doch noch etwas Philosophie in Videoform. Kurz und Gut von Arte, zum Thema Gott und Gottesbeweise. Geht nicht lang, keine Sorge, also aufmerksam zuhören – am Ende gibt es sogar eine Katze!

Danke fürs Lesen, Euch allen einen guten Start in die nächste Woche!

[Update] Heidegger und die Schwarzen Hefte

by janstraube

Martin Heidegger. Kein Philosoph wurde in den letzten Wochen häufiger in den Zeitungen erwähnt. Schließlich erschienen im Rahmen der Gesamtausgabe die sogenannten „Schwarzen Hefte“, Notizbücher, die Heidegger zeitlebens geführt hat. Und darin: eindeutige antisemitische Äußerungen. Er war also nicht nur Nationalsozialist, was schon lange bekannt ist, sondern, inzwischen nachweislich auch noch Antisemit. Auch in Frankreich hat das große Wellen geschlagen, seit Sartre gibt es eine lange Tradition der Heidegger-Interpretation, ohne welche der Existenzialismus in seiner Form nicht möglich gewesen wäre. Doch wie ändern die antisemitischen Äußerungen das Werk Heideggers?

Zunächst sei erwähnt, dass wir die Veröffentlichung der Schwarzen Notizen Heidegger selbst zu verdanken haben. Er war der erste, der noch zu Lebzeiten damit begann seinen Handschriftennachlass an ein Archiv weiterzuleiten, und bereitete dies sorgfältig vor – der Nachlass wurde in mehreren Phasen aus seinem Büro in das Archiv weitergeleitet. Der Nachlass hat ungefähr den Umfang einer ganzen Schrankwand, mit ca. 170 Pappschubern voller Handschriften. Das deutsche Literaturarchiv in Marbach bietet Wissenschaftlern die Möglichkeit, diesen Nachlass zu durchforsten, und auch die Herausgeber der Gesamtausgabe griffen auf diesen Bestand zurück.

Heideggers Werk – ich meine hier primär das der Gesamtausgabe –  ist von großen und originären Gedanken geprägt; die Seinsfrage, die Frage nach der Technik und die Fundamentalontologie des Daseins sind Ansätze, die weitreichende Folgen für die heutige Philosophie haben – auch wenn sie wegen ihrer Unzugänglichkeit oft außer Acht gelassen werden. Doch jetzt beinhaltet das Werk antisemitische Äußerungen.

Jetzt ist der Heidegger nicht nur Nazi, sondern auch Antisemit. Und? Hat das Auswirkungen auf sein Werk, auf den Inhalt seines Denkens? Ich meine: Nein. Ich meine, eine Trennung von Autor und Werk ist nicht nur möglich, sondern auch nötig. Viele Philosophen waren Rassisten, aber das ist nicht der Grund, warum es getrennt werden sollte. Ich bin ein großer Verfechter der Trennung von Beruflichem, oder sagen wir Öffentlichem und Privaten. Ein Gespräch mit Freunden ist nun einmal grundsätzlich verschieden von einem Text wie diesem, der Allen zugänglich ist. Heidegger war sich der Öffentlichkeit wohl bewusst, und zog das private Gespräch immer vor.

Weiterhin gehört das „principle of charity“ zu den wichtigen Dingen, die ich im Studium lerne. Demnach muss, bevor ein Argument kritisiert wird, das Argument so stark wie möglich gemacht werden. Doch wozu? Nur so kann am Ende gewusst werden, wo ein Argument wirklich Schwachstellen hat. Und das sollte auch auf die Interpretation von philosophischen Werken angewandt werden.

Die FAZ versucht eine Einschätzung der Hefte in Bezug auf das Gesamtwerk: „Im engeren Sinne handelt es sich nicht um Philosophie, denn es gibt weder Argumente noch Reflexion. Heidegger genügen ein paar hingeworfene Sprüche. Mehr gab es dazu wohl auch nicht.“ Also, selbst wenn wir uns inhaltlich mit den Schwarzen Notizen im Spiegel des Gesamtwerks auseinandersetzen – wir haben es dabei, bei den antisemitischen Äußerungen, nicht mit Philosophie zu tun. Sondern mit Äußerungen, die bestenfalls persönlich sind, und die Person ist stetem Wandel unterworfen. Ich meine, das ist das Werk zwar auch – durch immer wiederkehrende Neuinterpretationen, doch es überdauert die Zeit wesentlicher als persönliche Äußerungen. Versteht mich nicht falsch: Ich möchte in der Sache des Antisemitismus Heideggers Person nicht verteidigen! Antisemitismus kann nicht verteidigt werden, weil er unvernünftig und verachtenswert ist, genau wie jeder Rassismus und Speziesismus. Aber: Ich beschäftige mich doch nicht mit Heidegger wegen seiner Person – sondern wegen seiner Philosophie! Und selbst wenn wir über die Person Martin Heidegger reden, gibt es eine Ambivalenz: Wie weithin bekannt ist, hatte er eine komplizierte und langjährige Art Beziehung zur jüdischen Philosophin Hannah Arendt. Des Weiteren finden wir die antisemitischen Äußerungen Heideggers zwischen den Jahren 1933 und 1945. Nicht davor, und nicht danach.

Die Diskussion um Heideggers Nachlass in Bezug auf seine antisemitischen Äußerungen ist letztlich ein Argument ad hominem. Hier geht es nicht um seine Philosophie, sondern um die Person Martin Heidegger. Doch diese Person ist tot. Sein Werk jedoch überdauert die Zeit.

[Update 20.01.2015]

Ich lasse den alten Text so stehen, muss mich aber von der Aussage distanzieren. Ausschlaggebend hierfür war der Rücktritt Günter Figals von der Position des Vorsitzenden der Martin-Heidegger-Gesellschaft. Wenn eine kritische akademische Stimme nicht mehr für Heidegger stehen möchte hat das doch eine gewisse Tragweite. „Für Heidegger stehen“ meint hier, sich dem Klüngel der Erben Heideggers anzuschließen, meint eine kritische Ausgabe des Heidegger-Nachlasses zu verhindern, meint: Verschleierung. Es ist im Jahre 2015 zu früh, um sich ein abschließendes Urteil über Heidegger und den Nationalsozialismus zu bilden. Eine Trennung von Werk und Autor halte ich in gewissem Rahmen nach wie vor für eine angemessene Methode, doch kann in diesem Fall weder das Gesamtwerk kritisch analysiert, noch die Verstrickungen gänzlich aufgeklärt werden.

Ich halte nach wie vor Sein und Zeit für eines der bedeutendsten Werke der Philosophie. Man kann dieses Werk isoliert betrachten. Doch ist es nicht ausreichend, ein Gesamturteil über Heidegger zu bilden. Für erste Ansätze in dieser Richtung empfehle ich Thomas Vašeks Beitrag im Hohe Luft Magazin. Außerdem den umfangreichen Artikel der FAZ zu den Schwarzen Heften.

Es ist nicht mehr haltbar, die antisemitischen Äußerungen Heideggers aus dem Werk zu isolieren, es ist sogar so, dass wesentliche Merkmale seines Denkens (Das Man, das Geschick etc.) eine Verknüpfung mit nationalsozialistischen Gedanken ermöglicht haben. Es bedarf umfangreicher kritischer Analyse. Heidegger darf von seinen Erben nicht mehr als Schatz behandelt werden, als Rohdiamant der noch geschliffen werden muss. Es müssen die Fakten (sprich: der gesamte Nachlass) jedem Forscher zugänglich gemacht werden. Die Verfehlungen Heideggers müssen eingestanden werden.

Es wurde bisher der frühe Heidegger vom Naziheidegger getrennt, und dieser wiederum vom späten Heidegger, dem Heidegger nach der Kehre. Diese Trennung muss aufgegeben werden, und mit obigen Forderungen ein Gesamtbild des Denkweges erschlossen werden.

Abschlussnotiz: Ich empfehle die aktuelle Sonderausgabe des Philosophie-Magazins zur Philosophie des Nationalsozialismus.